Energie

           Bilanz

“Abnehmen ist ganz einfach. Iss nicht so viel und geh zum Sport!”

»Du musst nur weniger Kalorien essen, als du verbrauchst. Dann nimmst du auch ab! Ist doch ganz logisch!«.

Das ist die übliche Interpretation der Energiebilanz, die dem Betroffenen mit Adipositas die gesamte »Schuld« an seinem Leiden zuschustern.

Ich sehe in dieser Auslegung der Realität den Grund für das extreme Mobbing und die Diskriminierung von dicken Menschen in der Gesellschaft.

Aber wie wird die Energiebilanz auf meinem Wissensstand von 2019 interpretiert?

Das Gesetz der Thermodynamik trifft zu.

Vorab das Wichtigste: Natürlich ist eine positive Energiebilanz – also mehr Kalorien, als verbraucht werden – die Voraussetzung für die Zunahme von Fettpolstern.

Falsch ist die Annahme, die Energiebilanz sei durch pauschale Formeln oder andere »Endverbrauchermessmethoden« wie zum Beispiel der Körperanalyse mit einer Körperfettwaage auch nur annähernd genau ermittelbar. Verschiedene Rechenformeln zur Ermittlung des täglichen Kalorienbedarfs liegen bei Menschen mit Adipositas oft jenseits der Realität.

Dabei können die etwas genaueren Messwerte in der Ermittlung des Grundumsatzes durch eine Atemgasanalyse beim Sport- oder Ernährungsmediziner im Vergleich zur Ermittlung des Grundumsatzes nach Formeln deutlich nach oben – aber auch extrem weit nach unten abweichen.

 

Was uns beim selbstständigen Steuern der Energiebilanz behindert

Abnehmen &
  Energiebilanz

Biggest Loser

Der Grundumsatz – nicht zwangsläufig »korrekt« schätzbar

Ein relativ aktuelles Beispiel, das für Menschen mit Adipositas Grad III besonders interessant sein dürfte, ist das Ergebnis der Biggest Loser Studie aus 2016.

Es handelt sich um eine kleine Gruppe untersuchter Menschen, die unter extremen Bedingungen in der Öffentlichkeit extrem viel Gewicht verloren haben. Ob sich die Ergebnisse auf »jedermann« übertragen lassen? Ich denke, nein. Nicht jeder nimmt 50, 60 oder 90 Kilo in einem sehr kurzen Zeitraum ab.  Interessant sind die Ergebnisse vor allem für Menschen mit Adipositas trotzdem.

Die Biggest Loser Studie zeigte, dass auch sechs Jahre nach der eigentlichen Show und Gewichtsreduktion der Grundumsatz der Teilnehmer immer noch! − 499 ± 207 kcal/Tag unter dem nach Fett- und Muskelanteil zu erwartenden Grundumsatz lag. Ich wiederhole das ganz deutlich: 6 Jahre nach der Show weisen die Kandidaten der Show immer noch einen erniedrigten Energieverbrauch auf!

Gleichzeitig ist das “Sättigungshormon” Leptin auch sechs Jahre nach der Show immer noch auf dem erniedrigten Niveau, den es 30 Tage nach der Show zeigte.

 

Gerücht? Fettlogik? Realität?

“Hungrig & lahmer Stoffwechsel
  6 Jahre nach Diät!”

Mehr Hunger.

     Weniger Kalorien.

Kandidaten müssen weniger essen und sind dabei hungriger als Normalgewichtige

Übersetzt heißt das: Die TV Abspeckhelden müssen allein zum Halten des Gewichts deutlich weniger essen, als ein Mensch ohne “adipöse” Vergangenheit mit gleichem Körpergewicht / Körpergröße und Muskelanteil – und dabei sind sie wesentlich hungriger als ein “normaler” Mensch.

Wenn dich die Mechanismen dahinter interessieren, findest du eine entsprechende Buchempfehlung mit Kapitelangabe unten in den Quellenangaben (5). 

Das Studien-Design ist relativ begrenzt – und hat zu neuen spannenden Fragen geführt. Das ist etwas Gutes! Nun warten wir auf die Antworten, aus hoffentlich tiefergehenden Studien der Thematik.

Ich bin ein Nerd und will mehr wissen?

Unter den Begriffen »Adaptive Thermogenese« oder »Metabolic Penalty« findest du interessante Informationen aus der Forschung zu diesem Themenbereich, falls du dich tiefergehend für die Energiebilanz interessierst. Extra Tipps: Recherchiere mit zusätzlichen Suchbegriffen wie zum Beispiel RNYGB für den besonderen “Aha” Effekt.

Kalorienzählen – und wobei es wirklich (nicht) hilft

Kalorienzählen
  macht auch nicht schlank!

Energiebilanz? Zähl doch einfach!

Kalorien zählen – Was du wirklich wissen musst.

Kalorienzählen oder das Führen eines Ernährungstagebuchs gehören meiner Meinung und Erfahrung nach zu den sinnvollsten Möglichkeiten, um einen Eindruck über das persönliche Essverhalten zu gewinnen.

Allgemein »stehe« ich auf das Loggen via Smartphone App. Das sind heute nur ein paar Klicks und nach einigen Wochen versteht man seine eigene Ernährung mit ihren Stärken und Schwächen viel besser!

Doch ich verrate dir auch, worum es nicht wirklich geht: Die Energiebilanz bewusst zu steuern.

Ich sage es ein Mal ganz deutlich: Du kannst die Kalorien nicht genau zählen! Selbst alles bis aufs Gramm abgewogen ändert nichts an den Fakten, dass die Zählerei immer ungenau bleibt – genauso wie die Messung deines Grundumsatzes außerhalb einer »metabolic chamber«, in der in Studien über lange Zeiträume in abgeriegelter Umgebung der Kalorienverbrauch ermittelt wird.

Aber warum kann ich meine Kalorien nicht genau zählen?!

 

Fehlerquellen beim Kalorienzählen

Wie genau
  sind Nährwertangaben?

“Wenn du trotz Kalorienzählen nicht abnimmst, betrügst du dich selbst!”

Wie genau sind die Lebensmitteletiketten und Standard Kalorientabellen?

Der Gesundheitsleitfaden für Toleranzen bei Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmittel in der EU erlaubt den Herstellern bei der Angabe der Nährwerte »Toleranzen«. (3)

Nehmen wir das Beispiel Fett, weil Fett mit seinen 9 Kalorien pro Gramm der energiereichste Nährstoff in unserem Essen ist. Der Fettgehalt von Produkten darf bis zu 20% von den Angaben auf dem Label abweichen. Zwanzig Prozent klingt nicht viel?

Nehmen wir das Beispiel Kalbsleberwurst mit 30% Fett. Auf 100 Gramm Wurst rechnest du also mit 30 Gramm Fett. Es könnten genauso gut 36 Gramm Fett drin sein, oder nur 24.

6 Gramm Fett weniger oder mehr sind 54 Kalorien weniger oder mehr.

 

54 Kalorien zu viel pro Tag = Knapp 3 kg mehr pro Jahr

Eine positive Kalorienbilanz von 54 Kalorien täglich führt nach unserer (Un)Logik aber zum Beispiel übers Jahr gerechnet zu 2,81 Kilogramm Zunahme.

Wahrscheinlich *hoffentlich* essen die wenigstens von uns täglich größere Mengen Leberwurst – Toleranzen von bis zu 20% gelten für alle Lebensmittel und wir erinnern uns: Fett war nur ein Beispiel!

Die Angaben von Zucker, Kohlenhydraten, Eiweiß und Ballaststoffen dürfen ebenfalls je nach Gesamtgehalt des Nährstoffs zwischen 15 und 20 Prozent vom aufgedruckten Wert abweichen.

Das ist an sich sinnvoll, denn die genaue Zusammensetzung der Rohstoffe wie zum Beispiel Gemüse, Getreide, Milch usw. schwankt ganz natürlich! Für jede Charge eine Laboranalyse zu beauftragen, würde die Kosten für Lebensmittel ziemlich sicher erhöhen und den Aufwand ebenfalls.

Die Toleranzen sind aber nicht der einzige Faktor, der die Genauigkeit unserer wilden Zählerei torpediert

 

Ungenau.

    Deine Schuld?

Wie kommen die Nährwerte auf die Verpackungen?

In der EU hat ein Hersteller ebenfalls die Freiheit, entweder für sein Lebensmittel eine direkte Nährwertanalyse zu machen. Das führt zu genausten Ergebnissen. Oder aber den günstigeren Weg zu gehen und nach akzeptierten Standardtabellen die Kalorien und Co. einfach zu berechnen. So erklärt sich, dass es für Produkte wie Magerquark, Buttermilch usw. je nach Hersteller leicht abweichende Nährwertangaben gibt, obwohl es sich um das gleiche Lebensmittel handelt.

Wie kommen die Nährwertangaben in FDDB, Fatsecret und Co.?

Eine weitere mögliche Schwäche liegt in den Datenbanken, die die Anbieter von Ernährungstagebüchern für Smartphones zur Ermittlung der täglichen Kalorien nutzen. Benutzer wie du und ich können die Nährwerte für neue Produkte einpflegen. Diese Informationen werden nicht überprüft! Ein Tippfehler und du rechnest ahnungslos mit falschen Werten.

Fazit: Die Lebensmittel schwanken in ihren Nährwerten, unabhängig von dem, was du in deinem Kalorienrechner einträgst!
Dein Körper hingegen interessiert sich nicht für dein Ernährungstagebuch oder für die Aufdrucke auf den Packungen. Er »loggt« aufs Gramm ohne »Toleranzen«, was genau in deinem Verdauungssystem gelandet ist.

Wie viele Kalorien haben Mandeln?

Kalorien.
  & der gute Futterverwerter.

Kalorien?

     Individuell.

Die Realität hinter den Kalorien

Der motivierte Kalorienzähler geht davon aus, dass die von ihm berechneten Kalorien ein verlässlicher Wert sind.

Unabhängig von den natürlichen Schwankungen der Gehalte an Fett, Kohlenhydraten und Protein bei unverarbeiteten Lebensmitteln gibt es da einen weiteren Faktor, der uns nicht unbedingt hilfreich in die Karten spielt bei unserem Versuch, das komplexe System »Energiebilanz« mit einem Taschenrechner und verklärtem Blick zu besiegen.

Individualität in der Verdauung

Unsere Körper – und auch unsere Verdauungssysteme – sind individuell. Wie viele Kalorien wir aus einem Lebensmittel aufnehmen, hängt mit einer ganzen Reihe Faktoren zusammen. Neben den spannenden Experimenten mit dem Dauerblutzuckertest (2), bei dem Wissenschaftler feststellten, dass die Reaktion auf bestimmte Lebensmittel vollkommen anders ausfallen kann, als erwartet.

So reagierten einige Menschen kaum mit erhöhtem Blutzucker auf Eiscreme, wohl aber auf Äpfel. Die nächsten erfreuten sich bei Weißbrot und Pommes bester Blutwerte, während bei wieder anderen genau dasselbe Menü die Blutwerte eines Diabetikers erzeugte. Vollkorn ist gesund? Die Studie sagt: Nur bei einigen Probanden, für andere ist es das Grab der Stoffwechselgesundheit.

Die Empfehlungen für gesunde Ernährung sind trotz dieser Unterschiedlichkeit einheitlich, für jeden gleich. Ganz konkret bedeutet das, die allgemeine Auffassung von gesunder, abwechslungsreicher Ernährung mag eine Hand voll Leute “heilen” – und eine andere Hand voll Leute kränker machen!

Was sind Kalorien?

Was sind eigentlich Kalorien und woher kommen die?

Nachts aus dem Kleiderschrank, heißt es. Kalorien sind die kleinen Tierchen, die heimlich und unbeobachtet die Klamotten im Schrank enger nähen! Spaß beiseite.

Eine Kalorie = Energie, die notwendig ist, um 1 ml Wasser um 1 Grad Celsius zu erwärmen.

Der Kalorienwert eines Nahrungsmittels schätzt also, wie viel Energie beim Verzehr in unserem Verdauungstrakt landet. Für die Ermittlung der Nährwerte eines Lebensmittels wird es schlicht und einfach verbrannt und gemessen, wie viel Energie bei der Verbrennung freigesetzt wird.

Ein Haken hat diese Methodik: Wir messen lediglich, wie viele “Kalorien” in etwa in unserem Magen und Darm landen. Das sagt noch nichts darüber aus, wie viele davon wir tatsächlich auch verdauen und aufnehmen können. Hier spielen verschiedene steuerbare und nicht steuerbare Aspekte eine Rolle.

Verarbeitung & Verdauung

Grad der Verarbeitung entscheidet über die Aufnahme der Nährstoffe

Der Grad der Verarbeitung eines Lebensmittels erleichtert oder erschwert die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Essen. Beispielsweise besitzt eine Hand voll Mandeln weniger “verwertbare” Energie, als eine gleiche Menge Mandelmuß. Gekochte Süßkartoffeln steigern den Blutzucker und Insulinspiegel stärker als roher Süßkartoffelsalat. Nackthafer als Frischkornbrei steigert den Blutzucker und Insulinspiegel nur gering, grobe Haferflocken bereits etwas mehr und das feine Blatt der Schmelzflocken lässt den Blutzucker und Insulinspiegel zügig ansteigen.

 

 

Beispiel Mandeln

Kalorien am Beispiel von Mandeln

In einer sehr interessanten kleinen Studie analysierten Forscher, wie viele Kalorien aus den Mandeln aufgenommen werden. Heraus kam, dass statt der erwarteten 171 Kalorien auf 28 Gramm im Durchschnitt nur 129 Kalorien verdaut wurden.

Das Wort »Durchschnitt« verschleiert die eigentliche Problematik, denn die 129 Kalorien sind der Mittelwert aus 30 Studienteilnehmern. Die Kalorienaufnahme aus den Mandeln schwankte zwischen 2,2 Kalorien pro Gramm Mandeln und 6 Kalorien pro Gramm! 6 Kalorien sind beinahe die dreifache Kalorienaufnahme aus dem gleichen Lebensmittel, wie die 2,2 Kalorien!

Von den 30 Studienteilnehmern lagen bei 28 die Kalorien unter dem “Standardwert” von 171 Kalorien auf 28 Gramm – bei 2 Teilnehmern lagen sie über den Standardwerten. Es gab keine erkennbare Korrelation zwischen BMI und Alter und der Kalorienverwertung, man kann also nicht vom Körpergewicht auf die Kalorienaufnahme schließen. Bei einer Studie mit 30 Teilnehmern mag das auf Grund der limitierten Daten auch durchaus schwierig sein.

Naja, das gilt aber doch nur für Mandeln?!

Nein, davon ist nicht auszugehen. Hier wurde die Genauigkeit der Ermittlung des Nährwertgehalts am Beispiel Mandeln erforscht. Die wichtigste Message lautet: Nur, weil wir etwas im Labor in unserem Essen nachweisen – Kalorien, bestimmte Nährstoffe usw. heißt das noch nicht, dass wir alle es auch genauso 1:1 aufnehmen.

 

Sind Schlanke besser
  in Mathe?!

Energie

       Bilanz

Aber wenn ich die Energiebilanz nicht steuere, wer tut es dann?

Die Antwort ist einfach. Und gleichzeitig wahnsinnig kompliziert.

Unser Körper regelt über komplexe Steuermechanismen die Energiebilanz.

Das Beispiel oben mit der Leberwurst und den lächerlichen 54 Kalorien Abweichung betont einen der wichtigsten Aspekte unserer Krankheit:
Adipositas ist nicht nur chronisch, sondern auch progressiv.

Das heißt, sie entwickelt sich über Jahre und schreitet beständig fort.
Knapp 3 Kilo mehr pro Jahr ergeben 30 Kilo mehr in 10 Jahren.

30 Kilo Zunahme in 10 Jahren

Das sind 30 Kilo, wenn wir nur 54 Kalorien am Tag zu viel essen oder trinken. 54 Kalorien ist ein viertel Glas Latte Macciato, oder ein kleiner Apfel zu viel. Von Tortenschlachten, Futterorgien im Fast Food Laden und anderen Schweinereien ist da noch gar keine Rede!

Schlanke Leuten können nicht besser zählen!

Mach dir nichts vor: Menschen, die von Natur aus ohne Anstrengung schlank sind, können nicht besser zählen oder rechnen als du – und disziplinierter sind sie auch nicht.

Ihr Körper kann besser »zählen«.

Das macht die »Schlanken« nicht automatisch zu besseren Menschen, oder charakterstark – und dich macht es nicht disziplinlos und träge.

Sättigung, Antrieb zum Essen, die »Freude« beim Essen, Appetit, Reaktion auf Umweltreize (zum Beispiel Gerüche, der Anblick von Essen) – all das wird vereinfacht erklärt von deinem Zentralen Nervensystem gesteuert. Sowohl der Beginn als auch das Ende einer Mahlzeit regeln Hormone. Sättigung und der »Stop« der Nahrungsaufnahme richtet sich dabei nicht nur nach dem »Völlegefühl« im Magen – sondern reagiert auf den »chemischen Reiz« durch die Speise, also die konkrete Nährstoffzusammensetzung, die in deinem Verdauungssystem landet – und verschiedene Nährstoffe produzieren unterschiedliche hormonelle Signale an unsere Steuerungseinheit.

 

Was eigentlich passieren sollte

So funktioniert Sättigung normalerweise

Dein Körper sendet dir das Signal »Such Nahrung«, wenn Nährstoffe benötigt werden. Du bekommst Appetit und denkst an Essen. »Suchverhalten« wird eingeleitet. Du findest Essen und sobald du ausreichend Kalorien und Nährstoffe aufgenommen hast, verlierst du den Appetit, das Essen schmeckt nicht mehr gut und verliert seinen Reiz. Du beendest die Mahlzeit und bist satt und zufrieden. Erst, wenn dein Körper wieder Nachschub braucht, kehren die Gedanken an Essen zurück.

Was bei Menschen mit Adipositas passiert.

So empfinden viele Menschen mit Adipositas

Du denkst ständig an Essen. Es ist wie ein Zwang. Deine Gedanken kreisen immer um die nächste Mahlzeit. Warum weißt du eigentlich gar nicht. Wenn du dich zwingst, nichts zu essen, beginnt das Suchverhalten.

Du öffnest den Kühlschrank und schließt ihn wieder. Die Süßigkeiten im Schrank scheinen dich zu rufen.

»Hey, ich bin hier in der Schublade! Rette mich! Mit freundlichen Grüßen, deine Schokolade!«

Oder

»Huhuuu, ich friere mich hier im Eisfach zu Tode! Iss mich! Deine Eiscreme.«

In der Stadt kreischt es aus dem Fastfoodladen:

»Wir sind alle hier drin, komm rein, iss uns!«, jammern Burger und Pommes gemeinsam, dazu zischt die Cola

»Ich prickel mich noch um den Verstand, wenn du mich nicht gleich trinkst!«

Die Gedanken kreisen ums Essen

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Zum ersten Mal wirklich satt mit 40 Jahren.

Im Grunde fällt es schwer, etwas anderes zu denken. Du isst irgendwas und vielleicht wirst du nach einer Weile »proppenvoll« wie ein Truthahn, öffnest den obersten Hosenknopf und trotzdem fühlst du dich irgendwie nicht satt. Der Hunger ist noch da und bereits kurz nach dem Essen kehren die Gedanken an das Essen zurück.

Dieser Hunger wird als persönliche Schwäche wahrgenommen. »Ich kann mich nicht zusammenreißen!«, »Ich scheitere bei jeder Diät« , »Ich bin verfressen!« – oder als “Emotionales Essen” abgestempelt. Dabei verlierst du gegen einen Reflex, der langfristig stärker ist, als jeder eiserne Wille. Ein paar Tage oder Wochen schaffen wir den Kampf, dauerhaft verlieren wir.

Meiner Meinung nach funktionieren Magenverkleinerungsoperationen unter anderem deshalb so gut, weil sie das normale Sättigungssystem durch hormonelle Umstellung wieder in Gang setzen. Lies mehr darüber in meinem Artikel “Die eine Sache, die mein Magenbyass mir geschenkt hat!

 

Hinter den Kulissen

Energiebilanz
  Hinter den Kulissen.

Was wirklich passiert

Vereinfacht erklärt: Dein Körper reguliert den Energieverbrauch immer proportional zu:

 

  • der Menge und Form der Energie, die du zu dir nimmst.
  • der Menge an Energie, die du für dein Leben verbrauchst.
  • den Informationen, die dem Zentralen Nervensystem über deine Energiespeicher und damit dem gesamt Energiezustand des »Systems« vorliegen.

Was sind die Energiespeicher?

Deine Energiereserven – die Fettzellen – agieren im Verbund als endokrines Organ. Das komplizierte Wort bedeutet, sie bilden Hormone und wirken mit in der Langzeitsteuerung dieser wertvollen! Reserven.

Jede Fettzelle sendet dem Gehirn die Nachricht über ihren Füllstand – nur muss diese Information auch dort ankommen und korrekt interpretiert werden! Bei Menschen mit Adipositas können verschiedene Kommunikationswege der Energiespeicher mit dem Zentralen Nervensystem beeinträchtigt sein.

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Schematische Darstellung einer Fettzelle.

 

Das Gehirn ist “taub” für die Schreie der Fettzellen

Das Gehirn ist »taub« für die überfüllten Fettzellen, die quasi schon auf den Knien robben und um Gnade flehen. Das Steuerungssystem geht von einem Energiemangel aus.  Stell dir das wie ein Auto vor, dessen Tankanzeige defekt ist. Ständig blitzt das rote Lämpchen auf, du tankst, das Benzin läuft schon in den Kofferraum und zwischen die Sitze, plustert die Airbags auf. Übertragen auf den Körper bedeutet das, nicht nur dein Bauchraum füllt sich mit dem krankhaften Viszeralfett, auch Muskeln, Leber, Knochen und Gehirn werden aus Mangel an Speicherplatz mit Fett gefüllt.

Rote Tankanzeige, obwohl das Benzin schon überläuft

Aber die Tankanzeige blinkt weiter rot! Um dein Überleben zu sichern, schickt dich das Gehirn ständig auf Futtersuche und dreht die Klimaanlage runter. Unwillkürliche Bewegungen – über die schlanke Menschen überschüssige Energie abbauen – finden nicht mehr statt. Dein Antrieb wird eingeschränkt, um den Energieverbrauch weiter zu reduzieren. Du kämst nicht auf die Idee, freiwillig zu wandern oder dich zu bewegen, du willst am liebsten nur auf der Couch bleiben.

Die Lösung ist weder, einfach weniger zu Tanken trotz roter Anzeige – oder mehr zu fahren – die Lösung ist die Reparatur der Tankanzeige. Dazu müssen wir natürlich herausfinden, was diese “Tankanzeige” kaputt gemacht hat.

Menschen mit Adipositas sind verfressen und faul?

In gewisser Weise ja. Aber nicht »mit Absicht«. Nicht, weil es schlechte Menschen sind – sondern, weil es Menschen mit einer chronischen Krankheit sind, die über die letzten Jahrzehnte auf Grund der Voreingenommenheit und der Fehlinterpretation der Energiebilanz nicht so intensiv erforscht wurde, wie es das Ausmaß der Pandemie »Obesitas« mittlerweile verlangt.

Was haben wir bisher über die Energiebilanz gelernt?

Energiebilanz.
  Zusammenfassung.

Mehr als nur Zahlen auf Papier

Du hast in diesem Artikel erfahren, wie die positive Energiebilanz bei Adipositas und Übergewicht zustande kommt. Für die Zunahme von Körperfett ist es zwingend notwendig, mehr Kalorien zu essen, als verbraucht werden.

Eine dauerhaft positive Energiebilanz ist nur möglich, wenn eine Störung in der Langzeitsteuerung des entsprechenden Regelsystems des Körpers vorliegt.

Jo-Jo Effekt ist keine Schwäche

Kurzfristige Veränderungen der Kalorienzufuhr (Drei Wochen Urlaub mit All inclusive oder drei Wochen Crashdiät, Pouch Reset, Weihnachten etc.) haben keine Auswirkung auf das langfristige Körpergewicht!

Der Jo-Jo Effekt nach einer Diät – auch bei Beibehaltung der Ernährung – oder das Zurückkehren zum normalen Gewicht nach dem Urlaub, nach Weihnachten etc. ohne Diät ist keine Frage von Schwäche oder Disziplin – es ist »nur« Biologie.

Die Energiebilanz wird von Zentralen Nervensystem selbstständig gesteuert. Um eine negative oder positive Energiebilanz langfristig aufrecht zu erhalten, muss das »Gehirn« mitspielen.

Fazit: Abnehmen ohne OP unmöglich?

Energiebilanz.
  Fazit.

Biologie –

   Mathematik

Wir reden nicht von Wochen, wir reden von Jahren

Ob wir über Abnehmen oder Zunehmen sprechen: Für beide Situationen ist es notwendig, über Monate hinweg eine positive oder negative Bilanz zu erzeugen. Adipositas entsteht nicht in drei Monaten – und sie verschwindet nicht in drei Monaten.

Für Untergewicht gilt das Gleiche – und aus unserer Gruppe wissen wir, wie sehr unfreiwillig Untergewichtige unter ihrem »Schicksal« ebenso leiden wie wir.

Fest programmiert in unserer Biologie

Die Energiebilanz ist mehr als eine Rechnung, die wir auf dem Papier anstellen. Sie ist fest eingebaut in unsere Biologie und wir steuern sie nicht bewusst! Komplexe Regelmechanismen beherrschen sie – und deren Störungen sind teilweise aus den Schatten des Nichtwissens aufgetaucht, aber noch nicht ausreichend erforscht, um sie zum Beispiel langfristig medikamentös oder mit Lebensstil Veränderungen zu behandeln, die bei allen Betroffenen langfristig wirken.

»Iss weniger, beweg dich mehr!« – in Zukunft weißt du, wie du diese Aussage verstehen kannst. Es ist Halbwissen. Gefährliches sogar, denn für die direkten Folgen dieser Annahme werden wir als Menschen mit Adipositas diskriminiert, beschimpft und abgestempelt.

Was wir tun können, um unsere langfristige Energiebilanz zu beeinflussen, erfährst du im Beitrag “Abnehmen mit und ohne Operation – die Grundregeln.”

Willst du aus Spaß mal rechnen?

Kalorien
 Bedarf rechnen.

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Adipositas.
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