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Cappuccinotassen in der Ernährungsberatung

Worum gehts heute:

Im Rinderwahn des Monats gibts heute das Thema “Cappuccinotassen” in der Ernährungsberatung – und warum sie nicht als Diskriminierung sind. Zusätzlich bekommst du die Informationen zur Alternative, die Ernährungspyramide für Menschen nach einer bariatrischen Operation und mein Fazit. Wollen wir loslegen mit dem Aufregen?

Der heutige Beitrag erreicht eine 5 auf der Rinderskala!

rinderwahnsinn skala 6

Rinderwahnsinn hoch 5

 

Wie ein schöner Nachmittag mit einer Kaffeetasse endet

Ich liege im Schatten des Ahornbaums und ahne nichts Böses, als das »Pling« meines Handys mich aus dem Dösen reißt.
Im Halbschlaf taste ich nach dem Gerät – Ein ganz großer Fehler!
Irgendwo in der Ferne knurrt ein Mähdrescher, Mops Uschi schnarcht unter der Sonnenliege.
Herrlich, eigentlich.
»Leg das doofe Handy wieder weg!«, flüstert meine innere Stimme, doch es ist bereits zu spät.

 

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Hilfe, ich esse zu viel!

»Die Ernährungstante hat gesagt, ich esse zu viel. Ich bin erst vier Monate operiert und weiß nicht, was ich tun soll. Abgenommen habe ich erst 14 Kilo. Die Ärzte vom Krankenhaus waren zufrieden. Alle anderen aus meiner SHG haben mehr abgenommen. Was soll ich nur machen? Ich glaube, ich habe meinen Magen schon geweitet. Wie kriege ich den wieder klein? Wenn ich weiter so viel esse, kann ich nicht abnehmen.«

Jetzt knurre ich auf meiner Sonnenliege und kneife die Augen zusammen. Ich fürchte mich davor, Erna Mustermann die Fragen zu stellen, die ich stellen muss, um überhaupt auf ihre Nachricht zu antworten.

Zu frisch ist noch die Wunde mit dem leidlichen Pouch Reset, der die ideale Lösung für Dumme ist. Wehe, Erna kommt mir so!

»Wie hat deine Ernährungsberatung denn festgestellt, dass deine Portionen zu groß sind?«, frage ich stattdessen. Ich bete zum Gott des Rinderwahns, dass ich heute keine Diskussion über Pouchgrößen führen muss.

»Na mit den Cappuccinotassen. Sie sagt, ich darf maximal eine Portion essen, die der Füllmenge der Tasse entspricht. Sonst esse ich zu viel.«

Cappuccinotassen?!

Ich rolle mit den Augen und starre über meinen Bauch zum Schmetterlingsbusch neben dem Gartenhäuschen. Die ersten Zitronenfalter tanzen um die aufblühenden Knospen. Das hübsche Bild verhindert, dass ich wütend mein Handy durch den Garten werfe.

Tassen. Ich muss brechen.

Im Grunde sollte ich das Positive sehen: Über Magengrößen muss ich heute nicht schon wieder sprechen. Glück gehabt! Die Cappuccinotassen sind allerdings nicht wesentlich intelligenter.

 

ernaehrung nach magenverkleinerung

Die Ernährung nach Magenverkleinerung – Warum Cappuccinotassen sich nicht als Maßeinheit eignen

 

IQ – knapp über Zimmertemperatur

In etwa liegt der Gehirnschmalzfaktor hier knapp über Zimmertemperatur – Bei den heißen 36 Grad heute ist das eine wahre Erholung für die Spargehirne, die auf die Tassenidee gekommen sind.

Cappuccinotassen – »Adipositas Vorurteile in Aktion«

Was stört mich eigentlich so an den Cappuccinotassen und Co.?

Der Cappuccinotassen Tango ist die geistige Bankrotterklärung von Menschen, die sich nicht für die multifaktoriellen Aspekte von Adipositas als chronische, progressive Krankheiten interessieren – und dementsprechend weder ausreichend Wissen zur Entstehung einer Adipositas noch zu deren Behandlung mitbringen.

Klartext: Adipositas rückst du nicht mit Cappuccinotassen auf den Leib!

Hinter Empfehlungen verbirgt sich auch immer die Einstellung zu einer Sache oder zu einem Personenkollektiv. Das ist hier auch nicht anders und ich werde heute aussprechen, was *hoffentlich* unbewusst dahinter steckt, uns mit den Tassen zu kommen.

Schauen wir mal auf die Gedankenkette hinter der Cappuccinotasse:

»Dicke Menschen futtern zu viel, deshalb muss ich sie nach einer Operation auch permanent an das Volumen ihrer Mahlzeiten erinnern. Es geht nur um die Kalorienbilanz. Dicke trinken ständig Cola. Brauchen Erziehung, können sich nicht beherrschen.
Wenn Dicke bei mir in der Beratung waren und trotzdem nicht abnehmen, sind sie selbst schuld! Meine Empfehlungen sind eindeutig und natürlich korrekt.«

Erinnerung: Adipositas ist eine chronische, progressive Krankheit!

 

adipositas wissenschaft

Adipositas: Eine Wissenschaft für sich

 

Fakt und Stand der Wissenschaft 2019: Adipositas ist eine Krankheit, die sich meistens nicht allein mit dem festen Willen und mit viel Vollkorn und Sport beseitigen lässt. Die Statistiken zur Wirksamkeit von »konventioneller Abnahme« im Vergleich zur Behandlung der Adipositas mit einer bariatrischen Operation zeigt das ganz deutlich! Der konservative Zweig versagt kläglich!

Die Gesellschaft ist trotzdem überzeugt: Adipositas ist die Schwäche des Einzelnen, Verfressenheit, fehlende Beherrschung – was auch immer. Jedenfalls ist sie auf keinen Fall »multifaktoriell« – also von vielfältigen Ursachen, die überwiegend NICHT oder nur in geringem Maße unter bewusster Kontrolle des Patienten sind. Das ist natürlich bloß Esoterik, Ausreden. Fettlogik.

»Explicit / Implicit Weight Bias« sind hier die Stichworte, die sich sogar in interessanten Studien zur Voreingenommenheit von verschiedenen medizinischen Dienstleistern (u.A. Ernährungsfachkräften) abbilden lassen und deren Auswirkung auf die Patienten und die Qualität der Behandlung untersuchen.

Wie die Einstellung der Ernährungsberatung deinen Erfolg beeinflusst

erfolg adipositasbehandlung

Die Einstellung des Behandlers und der Institution haben einen riesengroßen Einfluss auf unseren Erfolg oder Misserfolg!

 

Die Einstellung von Fachkräften gegenüber Menschen mit Adipositas beeinflusst direkt den Erfolg der Behandlung. Kommunikation ist sehr komplex – Voreingenommenheit spiegelt sich zwangsläufig darin, wie wir zuhören, das Gehörte einschätzen und welche Empfehlungen wir am Ende auf welche Weise dem Patienten mitteilen.

Das wiederum verändert, wie die Empfehlungen vom Betroffenen aufgenommen und umgesetzt werden. Stigmatisierung oder »weight bias« spüren wir als Patient und das beeinflusst unsere »Compliance« – also unsere Bereitschaft, die Therapieempfehlung einzuhalten.

Die erforschte Auswirkung der Stigmatisierung ist unter anderem eine schlechtere »Compliance« mit den Ernährungsempfehlungen (1) und steht unter Verdacht, Gewichtszunahme und eine Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes zu begünstigen. (2) Damit ist der Erfolg der Adipositasbehandlung von der Grundeinstellung der Behandler direkt abhängig.

Wird das jemals so kommuniziert? Nein. Wenn die Ernährungstherapie nicht die gewünschten Erfolge bringt, wird die Compliance des Patienten bezweifelt – nicht die Qualität der Empfehlungen oder die Qualifikation der Fachkräfte für die Behandlung von Menschen mit Adipositas.

Ist Ernas Ernährungsberatung böse?

Nein! Einstellungen und vermeintlich »sicheres« Wissen zu Menschen mit Adipositas ist keine bewusste Entscheidung – gerade die »impliziten« Vorurteile sind den Menschen meistens nicht Mal ansatzweise bewusst. Deshalb gibt es in internationalen Zentren mittlerweile Arbeitsgemeinschaften, die das Abbauen von “weight bias” durch gezielte Fortbildungen des Personals fördern.

Die Überzeugung, dass Menschen mit Adipositas selbst schuld sind und sich einfach nur nicht zusammenreißen können, ist tief in unserer Gesellschaft verankert.
Selbst die Betroffenen zweifeln nicht daran, komplett verantwortlich für ihre Misere zu sein.

Der »weight bias« der Adipositas Community selbst – also unsere eigenen Vorurteile gegen unser Übergewicht – schneiden beinahe mit einer schärferen Klinge! Betrachtet dazu einfach die Hexenjagd auf »OP Versager« in Facebook Gruppen. Zum Kotzen! Aber das ist Thema für einen anderen Beitrag, das sprengt hier den Rahmen.

Was hat die Cappuccinotasse mit »weight bias« zu tun?

Das klären wir gleich. Ich möchte es gern mit Hilfe dieser Episode “zeigen” und nicht “erklären”.

Erna läd uns heute wieder zum Gedankenexperiment ein. Wir sprechen über eine echte Patientin, die mir ihre Erfahrungen geschildert hat – lediglich der Name wurde geändert!

BMI 48 – 14 Monate MMK wegen schlechter Abnahme

Erna erhält März 2019 mit einem BMI von 47.5 einen Magenbypass nach 14 Monaten MMK. Das Krankenhaus »zwang« Erna die verlängerte MMK Zeit auf, weil sie mit Hilfe der Ernährungs- und Bewegungstherapie ihr Gewicht nicht innerhalb von 6 Monaten um 5% senken konnte.
Erna fühlt sich bereits vor OP als »Enttäuschung« und »Versagerin« und glaubt, dass die schlechte Abnahme allein ihre Schuld ist.
Heilfroh, dass sie aus »Kulanz« nach über einem Jahr ohne die in diesem Krankenhaus erforderliche Mindestabnahme** operiert wird, ist Erna einfach nur erleichtert.
»Jetzt geht es endlich voran!«, denkt sie.
Die ersten Wochen starten hoffnungsvoll, Erna verliert acht Kilo im ersten Monat. Blitzschnell rechnet sie hoch: »Wenn ich monatlich 8 Kilo verliere, bin ich in zwölf Monaten bei meinem Wunschgewicht.«
In ihrer Selbsthilfegruppe beginnt die Verunsicherung.
»Ich habe in den ersten zwei Wochen schon 8 Kilo weg. Für einen Monat ist das viel zu wenig! Vielleicht isst du zuviel?«
»In einem Monat nur 8 Kilo bei deinem Ausgangsgewicht? Sabine Mustermann wurde am gleichen Tag operiert und ist bereits 22 Kilo los.« – ergänzt die SHG Leiterin und Erna möchte im Boden versinken.
Wieder ist sie die Versagerin. Wieder »frisst« sie scheinbar zu viel.
Vielleicht stimmt ja was mit ihrem Magenbypass nicht?
Wenige Tage später sitzt Erna in der Sprechstunde ihres Adipositaszentrums.
»Sie haben Diabetes und eine Schilddrüsenunterfunktion, außerdem Lipödeme. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Patienten in ihrem Alter etwas langsamer abnehmen. Das ist normal. Sehen sie einfach zu, dass sie sich diesmal an die Ernährungsanweisungen halten.«
Über das »diesmal« ihres Arztes hat Erna so viel geweint, dass dieser Teil in ihrer Nachricht eine halbe Seite auf meinem Handy einnimmt.
Ein so kleines Wort. So verletzend.
»Diesmal«.
Es klingt so, als ob selbst der Arzt glaubt, sie hat im MMK nicht mitgearbeitet. Dabei hat sie auf Vollkorn umgestellt, Cola und auch Lightgetränke gestrichen, wöchentlich am Aquafitness und der Stuhlgymnastik teilgenommen und sich bis auf wenige Feiertage an den 1500 Kalorien Plan ihrer Ernährungsberatung gehalten.

Bin ich eine Versagerin?

Erna kehrt nach dem Arztgespräch in ihre Welt zurück, geht statt drei Stunden die Woche nun fünf Stunden zum Sport.
Sie meidet die Treffen ihrer Selbsthilfegruppe und verabschiedet sich aus der Facebookgruppe ihres Krankenhauses.
Die hohen Gewichtsverluste ihrer Mitstreiter treffen Erna einfach zu hart, bestärken ihr Gefühl des Versagens.
War die Operation ein Fehler? Muss sie jetzt lebenslang Vitamintabletten schlucken und bleibt trotzdem übergewichtig?
Mit schweißnassen Händen wartet Erna nach drei Monaten auf die nächste Kontrolle im Adipositaszentrum. Der Warteraum ist gefüllt, es ist später nachmittags, die Luft riecht nach verschwitzten Menschen.
Sie zapft sich den dritten Plastikbecher Wasser aus dem Spender und traut sich kaum, zu atmen.
Gibt es gleich ein Donnerwetter wegen ihrer schlechten Abnahme?
»Frau Mustermann?!«, ertönt die Stimme ihres Arztes und erlöst sie aus dem stickigen Warteraum.
Die Waage bringt sie zum Weinen: Nur 12 Kilo? In drei Monaten und einer Woche?
Der Kloß im Hals wächst, Erna traut sich gar nicht, ihren Arzt anzuschauen. Sicherlich ist er noch enttäuschter wie sie.
»Sehr gut, es geht langsam voran, aber es geht voran!«, sagt er und bietet ihr einen Stuhl an.
»Wie kommen Sie mit dem Essen klar? Vertragen Sie alles? Kommen Sie auf ihr Eiweiß?«
Natürlich, das Essen. Dass er danach fragen muss!
Erna wischt sich die Tränen ab und hofft, ihr Kopf ist nicht so rot, wie er sich anfühlt.
»Ich bin oft hungrig, nach dem ich gegessen habe. Manchmal dauert es nur eine Stunde und mir knurrt der Magen. Bisher habe ich alles vertragen außer Fisch und Nudeln.«
»Was essen Sie zu den Mahlzeiten?«
Erna atmet auf. Sie hält sich nämlich genau an das, was die Ernährungsberaterin gesagt hat.
»Morgens esse ich ein dünnes Vollkornbrot mit Käse oder Wurst. Mittags meistens einen Eintopf und abends Brot mit Käse. Selten mal Quark.«
»Ich verstehe. Beachten Sie die 60 Gramm Eiweiß am Tag?«
Schulterzuckend sitzt Erna vor ihrem Arzt. Natürlich achtet sie darauf, bei ihren drei Mahlzeiten immer Eiweiß zu essen. Wie viel Gramm das am Tag sind, weiß sie nicht.
Nervös rutscht sie auf der Sitzfläche des überbreiten Stuhls und nickt zögerlich.
Der Arzt soll ja nicht denken, dass sie sich keine Mühe gibt.
Fünf Minuten später steht Erna wieder im Flur, der Arzt drückt ihre Hand zum Abschied.
Er hat ihr aufgetragen, einen Termin bei der Ernährungsberaterin zu machen und die Selbsthilfegruppe regelmäßig zu besuchen.
»Austausch mit Gleichgesinnten hilft dabei, am Ball zu bleiben«, sagt er zwinkernd zum Abschied.
Na toll. Bleiben Sie mal am Ball, wenn sie der Versager in der Truppe sind!, denkt sich Erna.

Schlammschlacht in der Selbsthilfegruppe

Trotzdem hockt sie Tage später auf einem der hinteren Stühle in der Selbsthilfegruppe und hofft, dass niemand nach ihrer Abnahme fragt.
Versteckt im Raum nimmt sie nur passiv am Treffen teil. Das Thema des Tages erinnert sie an das tägliche Highlight auf Facebook: Wer isst wie viel.
Ladies and Gentlemen, die Schlammschlacht ist eröffnet!
Wir kennen das alle aus Facebook: Die ständige Vergleicherei. Kommentare wie »Oh Gott, wie viel isst du denn?!« Schmiegen sich an »Du musst aufpassen, dass du nicht vom Übergewicht ins Gegenteil abdriftest« und »Du darfst drei Mal am Tag die Menge eines kleinen Joghurtbechers. Warum isst du 250 Gramm Quark? Damit dehnst du deinen Pouch aus!«
Erna schnürt sich beim regen Dialog in der Selbsthilfegruppe die Kehle zu.
Sie kann eine ganze Brotscheibe mit Käse frühstücken – und insgeheim weiß sie, es ginge noch mehr. Von dem einen Brot ist sie nicht satt.

Sabine schafft nur eine halbe Scheibe und Klaus sagt, Brot macht dick und man darf es nicht essen – er isst immer nur Harzer Käse oder Quark, sonntags Rührei.
Laura wirft ein, dass sie höchstens eine viertel Scheibe schafft, obwohl sie seit einem halben Jahr operiert ist. Mandy nippt an ihrer Cola Light, bevor sie in einem halben Rülpser einwirft: »Ich schaffe locker eine halbe Scheibe Brot und dazu ein weich gekochtes Ei.« Sie winkt ab. »Aber ich bin auch fertig mit der Abnahme, das zählt dann nicht.«
Nach der Selbsthilfegruppe schwirrt Ernas Kopf noch mehr. Scheinbar schafft sie mit einer ganzen Scheibe mehr als Mandy nach einem Jahr?
Überhaupt sind alle, die mit ihr operiert wurden, viel schlanker als sie. Selbst Margitta, die bei der OP mit ihren 190 Kilo einen Schlauchmagen bekam, hat sie überholt.
Bin ich eine OP Versagerin?
Warum muss das immer mir passieren? Was mache ich nur falsch? Ich bin einfach verfressen, daran liegt meine schlechte Abnahme.

Erna zerfrisst die Angst, niemals ein normales Leben zu führen.
Das Übergewicht schmerzt bei jedem Schritt, sie bekommt schlecht Luft und ihr Hausarzt hat prophezeit, dass ihre Pumpe das nicht mehr jahrelang mitmacht.
Dabei ist sie doch erst 55! Ihre Tochter ist schwanger – Erna möchte unbedingt eine aktive Oma werden und ein langes Leben führen.
Genau deshalb hat sie sich für die Operation entschieden.

»Damit bist du in ein paar Monaten dein Übergewicht los!«, versprachen ihr die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe und die Internet Erfolgsgeschichten.
Stattdessen kriecht das Übergewicht bei ihr mit einem Schneckentempo von 2 Kilo im Monat von ihren Hüften – und ob es dabei bleibt, weiß sie noch nicht.
»Die Lipödeme können Sie nicht abnehmen, Frau Mustermann«, warnte sie ihr Chirurg bereits vor der Operation.
Was das in der Realität bedeutet, versteht sie erst jetzt.
Ihr Körper wird zunehmend unproportionierter, sie fühlt sich nicht mehr wohl.
Tage später klingelt für Erna der Wecker bereits um 6 Uhr. Das Aufstehen kostet sie an diesem Tag allen Mut.

Ernährungsberatung: “14 Kilo sind zu wenig!”

 

kaffeetasse magen ausdehnen

Die negative Einstellung der Ernährungsberatung berücksichtigt nicht, dass Erna durch ihr Alter und ihre Vorerkrankungen ohnehin langsamer abnimmt und ignoriert, dass die Ärzte des Adipositaszentrums zufrieden mit ihr sind!

 

Der Termin bei der Ernährungsberaterin steht an. Ein Termin, auf dem all ihre Hoffnungen für eine gute Abnahme lasten – und der ihr gleichzeitig Angst macht.
Vielleicht isst sie trotz der OP komplett falsch? Zu viel?
»14 Kilo in vier Monaten – bei ihrem Ausgangsgewicht ist das viel zu wenig, Frau Mustermann«, diagnostiziert die Ernährungsberaterin und findet sehr schnell die vermeintliche Ursache für Ernas »ungenügende« Abnahme.
»Ihre Portionen sind zu groß. Wenn Sie mehr essen, als in eine 250 ml Kaffeetasse passt, ist das zu viel. Sie dehnen damit ihren Magen aus, damit können sie langfristig nicht abnehmen.«
Erna kriegt kein Wort raus, ihre Zunge klebt am Gaumen, ihr bricht der Schweiß aus. Die Hitze steigt ihr in die Wangen.
Nicht weinen!, schnauft sie im Inneren und ist erleichtert, als sie Minuten später mit einer Empfehlung ihrer Ernährungsberatung auf dem Heimweg ist.
»Achten Sie darauf, nur drei bis maximal vier Mahlzeiten am Tag zu essen und höchstens eine Tasse voll Nahrung zu sich zu nehmen«, lautet die Ansage der Ernährungsfachkraft.

Erna wusste es, sie ist selbst schuld an der schlechten Abnahme. Die Menschen in der Selbsthilfegruppe haben es gesagt, die Ernährungsberaterin hat es gesagt und der Arzt im Krankenhaus hat ihre langsame Abnahme zwar beschönigt, aber unterm Strich ist er sicher auch enttäuscht.
Sie sitzt in der Küche und betrachtet die stinknormale Kaffeetasse. Allein der Anblick macht sie hungrig.
Wie soll sie denn satt werden, wenn sie drei Mal täglich nur eine so kleine Menge essen darf? Das hatte sie sich vor der Operation einfacher vorgestellt. Sie dachte, der Minimagen macht sie automatisch auch satt mit der kleinen Portion – nicht bloß kurz »voll« und dann wieder hungrig.

Zurück aus Ernas Welt in unsere gemeinsame Realität

 

wirkung magenbypass

Magenbypass und Schlauchmagen wirken “multifaktoriell” und helfen dem Betroffenen, seine Adipositas besser in den Griff zu bekommen. Es ist ein Irrglaube, dass jeder Patient mit einem Eingriff das Normalgewicht erreicht – und diese Patienten sind nicht gleich Versager!

 

Ernas Geschichte zeigt, wieviele Rädchen in der Maschine an Ernas Diskriminierung beteiligt sind. Das Thema heute ist die Ernährungsberatung, die Bereiche Selbsthilfegruppe und Co. werden in einem anderen Beitrag abgedeckt.

Die Theorie mit der Cappuccinotasse ignoriert die Wirkungsweise einer Adipositasoperation. Erinnern wir uns: Je nach Eingriff wird der Magen des Patienten mit Adipositas auf die Größe eines Hühnereis oder einer Walnuss geschrumpft.

Die vielschichtige Wirkungsweise des Eingriffs ist eine Verbesserung der Sättigung – nicht allein durch den schneller eintretenden Dehnungsreiz des Magens – sondern durch Einfluss auf die hormonelle Steuerung von Sättigung und Hunger! Geschmacksvorlieben ändern sich, einige Lebensmittel fallen durch Unverträglichkeiten aus dem Speiseplan. Das sind nur einige Beispiele, was so eine bariatrische Operation tun kann.

Durch die Operation wird dem Patienten eine natürliche Kontrolle seines Essverhaltens in vielerlei Hinsicht leichter gemacht.

Es ist vollkommen unnötig, mit irgendwelchen Tassen zu arbeiten – der kleinere Magen einerseits und die Einhaltung der Empfehlungen für die Ernährung nach der Operation gewährleisten eine automatische Portionskontrolle.

Portionskontrolle: Ganz automatisch

 

wirkungsweise schlauchmagen adipositas

Cappuccinotassen verbreiten nur eins: Verunsicherung! Die Empfehlung ist für den Berater bequem – jedoch ist sie nicht nur vollständig nutzlos, sie schadet am Ende dem Patienten, weil das wichtigste Thema nicht diskutiert wird: Qualität und Auswahl der Lebensmittel nach der Ernährungspyramide für bariatrische Patienten.

 

Der Automatismus der »eingebauten« Portionskontrolle und Sättigung ist wichtig für den langfristigen Erfolg. Geht mehr als eine Kaffeetasse pro Mahlzeit »in den Patienten«, ist das nicht seine »Schuld« und auch nicht automatisch ein »Problem«.
Tatsächlich ist ein vergrößerter Magenpouch seltener Grund für eine Wiederzunahme nach Magenverkleinerung als die Art der gewählten Lebensmittel und der Lifestyle.

Magenentleerung: Unterschiedlich

Die Tassenlogik missachtet grob fahrlässig die unterschiedliche Geschwindigkeit der Magenentleerung je nach »Beschaffenheit« der Mahlzeiten.

Einerseits werden flüssige oder puddingartige Speisen wie Shake, Quark, Joghurt und andere sehr weiche Kost schnell aus dem Magen in den Darm geleitet und erwecken so den Eindruck einer vergrößerten Füllmenge. »Tassenlogiker« geraten in Panik, wenn problemlos 250 ml Buttermilch oder eine Quarkspeise verzehrt werden können.

Andererseits werden kalorienarme und wasserreiche Speisen wie Salat und Obst zügig aus dem Magen entleert und können so ebenfalls zum Eindruck führen, eine große Essensmenge zu vertilgen.

Fleisch, Eier, Fisch und sehr faserhaltige Lebensmittel hingegen verweilen länger im Magen und sind oft schwieriger verträglich, wenn sie in größeren Mengen verzehrt werden.

Die Cappuccinotasse als Maßeinheit: Vollkommen überflüssig und schwachsinnig!

Was statt der Cappuccinotasse wirklich zählt

Das »was« ist nach der Operation wesentlich wichtiger als das »wie viel«. Die Cappuccinotassen oder Joghurtbecher als Maß sind unnötig – meinetwegen iss 250 Gramm Quark oder auch 400 Gramm, so kommst du wenigstens auf dein Eiweiß!
Salat geht viel? Solange du mit dem Dressing aufpasst, ist das völlig egal. Die Kalorienbombe bei Salat ist die Soße. Selbst »nicht sahnige« klare Dressings können es »in sich« haben – beispielsweise ist Krautsalat sehr fettig und oft stark gezuckert! Entweder machst du deine Salatsoße selbst, oder du liest sehr genau das Etikett.

Essen für optimale Sättigung und Verträglichkeit

saettigung statt volumen

Achte bei deinen Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten auf die optimale Sättigungswirkung deiner Speisen. Wirst du nicht satt, hast du das Falsche oder zu wenig gegessen. Sind deine Portionen normal und der Hunger kehrt trotz guter Ernährung bereits ein oder zwei Stunden nach dem Essen wieder auf, wende dich an dein Adipositaszentrum.

 

Ich möchte dich und alle Betroffenen ermuntern, nicht nach dem Volumen zu essen – sondern euch ausschließlich auf optimale Sättigung und Verträglichkeit zu konzentrieren. Hält dich dein Frühstück nicht bis mittags satt? Suchst du zwischendurch immer wieder nach Essen?
Dann überprüfe kritisch, ob du eine proteinreiche, kohlenhydrat- und zuckerarme Mahlzeit gegessen hast. Eiweiß besitzt die höchste Sättigungswirkung von allen Nährstoffen – isst du weniger Protein pro Mahlzeit, als dein Körper benötigt, verursacht das Hunger bis hin zu Heißhunger auf Kohlenhydrate und Süßkram.

Macht dich ein Vollkornbrot mit Käse nicht satt, versuch eine Quarkspeise aus Magerquark, glattgerührt mit Mineralwasser, eine Hand voll Beeren und ein Teelöffel Leinöl. Oder ein Rührei mit Gemüse. Vielleicht auch die trendigen »Overnight Oats«, die du als bariatrischer Patient natürlich mit zusätzlichem Eiweißpulver anrührst.
Suche für alle Mahlzeiten Lebensmittel, die dich persönlich bis zur nächsten Mahlzeit satt und zufrieden machen.

 

Achtung bei diesen Speisen

Lebensmittel, die unsere Sättigung austricksen, sind Fast Food, Fertiggerichte, Süßigkeiten, gesüßte Getränke. Diese Produkte solltest du so selten wie möglich genießen.

Ernährungspyramide für Operierte

Stell deine Mahlzeiten gewissenhaft nach der Ernährungspyramide für bariatrische Patienten zusammen, dann bist du auf der sicheren Seite. Ohne Cappuccinotassen, ohne Kalorienzählen.

Achte darauf, immer gut zu kauen, dir Zeit fürs Essen zu nehmen und nicht nebenbei etwas in den Mund zu schieben. Gegessen wird am Tisch, nicht nebenbei, nicht vor dem Kühlschrank oder im Auto etc.!

ernaehrungspyramide nach magenverkleinerung

Mit Hilfe der Ernährungspyramide ist es ganz einfach, deine gesunden Mahlzeiten zusammen zu stellen.

 

 

 

Übelkeit, Erbrechen, Unwohlsein nach dem Essen?

Solltest du nach dem Essen häufig unter Übelkeit, Magendrücken, Erbrechen leiden, ist das das Feedback deines Körpers, dass du zu schnell zu viel gegessen hast. Ganz ohne eine Tasse sagt dir das dein Magen.

In diesem Fall ist es sinnvoll, nach jedem Bissen die Gabel beiseitezulegen und eine Weile zu warten, bevor du weiter isst. Taste dich vorsichtig an deine optimale Menge für Sättigung und Verträglichkeit heran.

 

magenbypass bewusst essen infografik

Bewusst Essen gehört zum neuen Leben dazu

 

 

Du bist erst wenige Monate operiert und fürchtest, dass dein Magen zu groß ist

Solltest du den Eindruck haben, dein Pouch hat sich geweitet – und vielleicht einige Symptome wie häufiges Dumping, Kreislaufprobleme, Schwindel bei dir beobachten – oder trotz eiweißreicher, kohlenhydratreduzierter Mahlzeiten nach dem Essen schnell wieder Hunger zu bekommen, führt dich dein Weg zum Adipositaszentrum zurück.

 

hunger nach magenbypass operation

Ständig Hunger? Gib dir nicht selbst die Schuld, hol dir professionelle Hilfe! Eine Ausweitung deines Magenpouchs kann zu gestörter Sättigung führen, der Hunger kehrt dann immer wieder zurück. Das sollte untersucht werden. Und keine Angst: Du bist nicht selbst “schuld” daran, wenn dein Pouch etwas mehr als geplant vergrößert ist. Das kann passieren und es gibt Lösungen.

 

Bitte nicht ins Schneckenhaus!

Bitte verschwinde nicht in deinem Schneckenhaus und gib dir selbst die Schuld – Du solltest unbedingt untersucht werden, um den Grund für deine Beschwerden zu suchen. Keine Angst, in einem guten Adipositaszentrum wird dir niemand die Schuld geben – denn um Schuld geht es nicht. Es geht um eine Lösung für dein Problem.

Ich empfehle dir, den Artikel “Pouch Re-Sizing” von Professor Marjanovic, Universitätsklinikum in Freiburg. Dort lernst du, welche Optionen dir bei einem vergrößerten Pouch zur Verfügung stehen und welche Symptome du möglicherweise beobachtest.

Wird eine anatomische Veränderung rechtzeitig behandelt, kann eine Zunahme möglicherweise verhindert werden. Warte nicht erst, bis du viele Kilos zugelegt hast. Die Entscheidung für eine Magenverkleinerung war die Entscheidung für ein gesünderes Leben. Dazu gehört auch, bei gesundheitlichen Problemen auf Hilfe zu bestehen.

Zusammenfassung: Iss nach Plan und alles wird gut

Solange du dich an die empfohlene eiweißbetonte, kohlenhydratarme Ernährung hältst, brauchst du so Gedöns wie Tassen zum Bemessen deiner Mahlzeiten nicht. Eiweißreiche, kohlenhydratarme Mahlzeiten sättigen extrem gut und lange und versorgen deinen Körper mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen.

tellergrafik bariatrische operation

Adipositasleitlinie empfiehlt Lowcarb mit moderatem Anteil an Kohlenhydraten und Fetten

Die Adipositasleitlinie empfiehlt eine Lowcarb Ernährung mit hohem Eiweißanteil (1.5g / Kilogramm Körpergewicht – gerechnet mit dem Idealgewicht des Patienten) und einem normalen Fettanteil, der sich nicht von den Empfehlungen für die allgemeine Bevölkerung unterscheidet.

Eine Ernährung nach diesen Prinzipien unterstützt die Sättigung und die Gewichtsabnahme und macht eine willentliche Volumenkontrolle unnötig. Die »Maßeinheit« »Cappuccinotasse« hat in der Praxis für dich als Patienten eine einzige Folge: Paranoia. Teilweise riesige Angst, wegen 400 Gramm Joghurt ein »OP-Versager« zu werden.
Das ständige Zweifeln, ob der Magen vielleicht doch zu groß ist – da wird sich auf die Menge konzentriert, während die Qualität der Ernährung den Langzeiterfolg sichern muss.

 

Das gehört nicht regelmäßig auf den Teller

Und da machen wir uns nichts vor: Fast Food, Süßkram, Fertiggerichte – und auch Lebensmittel, die viele Menschen für »selbst gekochtes Essen« halten: Fischstäbchen, panierte Speisen, Kartoffelbrei aus Pulver, eingekochtes Gemüse aus Dosen – das sind keine langfristig gesunden Ernährungsgewohnheiten für die tägliche Ernährung.
Ausnahmen sind immer erlaubt – eine solide Basis ist aber notwendig.
Unsere Ernährung basiert auf den Eiweißlieferanten (siehe Pyramide) und wird ideal ergänzt von frischem Gemüse, zuckerarmem Obst und moderaten Portionen Vollkorngetreide als Beilage.

 

Wichtige Tischmanieren sollten von Anfang an eingeübt werden. Geplante Mahlzeiten zu möglichst festen Zeiten, Essen in entspannter Atmosphäre z.B. am Tisch, der Verzicht auf Snacks und kalorienhaltige Getränke, das Trennen von Trinken und Essen, gut Kauen, Zeit lassen bei der Mahlzeit, rechtzeitiges Aufhören mit dem Essen, bevor ein starkes Völlegefühl einsetzt, usw. sind alles Aspekte, die wesentlich wichtiger sind als irgendeine abgemessene Portion.

abnehmen in deinem tempo

Nimm in deinem Tempo ab – konzentriere dich auf dich. Damit hast du die besten Chancen auf Erfolg.

 

Ein letztes Wort zu Erna und was du aus ihrem Fall lernen kannst

Erna Mustermann hat sich auf mein Anraten mittlerweile bei einer anderen Ernährungsberatung vorgestellt und um eine Abklärung ihres ständig wiederkehrenden Hungers im Adipositaszentrum gebeten.
Die Cappuccinotasse hat sie aus ihrem Kopf gestrichen und geht ihren Weg jetzt jenseits von Esoterik und Vorurteilen gegenüber Patienten mit Adipositas.

Solltest du bei der Ernährungsberatung, deinem Arzt oder deinem Trainer das Gefühl haben, in einer Schublade für “Dicke” gelandet zu sein, sprich deine Unzufriedenheit direkt an und scheue dich nicht davor, ggf. die Ernährungsberatung oder das Adipositaszentrum oder Fitnesscenter zu wechseln. Vorurteile deiner “Behandler” dir und deinem Zustand gegebüber verschlechtern dein langfristiges Ergebnis – deshalb achte gut auf dich. Wechseln darfst du nämlich jederzeit!

 

 

 

** Um einen Antrag auf Magenbypass oder Schlauchmagen zu stellen, ist eine minimale Abnahme von der Krankenkasse her keine Bedingung. Deshalb ist nicht in allen Krankenhäusern eine vorherige Gewichtsreduktion während des MMK zwangsläufig notwendig für einen OP Antrag.
Gerade die Unfähigkeit, das Gewicht mit konservativen Maßnahmen zu reduzieren, bildet eine der wichtigen Gründe für eine Operation und sollte meiner Meinung nach nicht zu einer Verzögerung der lebensnotwendigen Magenverkleinerung führen.
Unabhängig vom Antrag kann eine Gewichtsabnahme vor der Operation notwendig sein, um eine sichere OP zu gewährleisten, wenn der Patient sehr viel Bauchfett hat und einen bestimmten Eingriff bevorzugt.

(1) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5056165/
Bariatric Surgery Patients‹ Perceptions of Weight-Related Stigma in Healthcare Settings Impair Post-surgery Dietary Adherence

(2) Weight bias among exercise and nutrition professionals: a systematic review.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30176183