Endlich schlank. Und nun?

Ich bin fett!

Jetzt ist es raus, mal wieder. Den Satz habe ich über die vielen Jahre als extrem dickes Kind von Mitschülern, Lehrern und meinem Vater eingetrichtert bekommen und in meinem Leben als Erwachsene beinahe wie ein Mantra geführt. Oder wie ein Schutzschild.

Adipositas als Schutzschild?

Mit Schutzschild meine ich keine Schutzschicht – diese Laien Psychologie, mit der Adipositas gern erklärt wird, verabscheue ich. Nach all den Jahren der Suche nach Wahrheit in den Studiendatenbanken und in der wachsenden Yourdietangel Community – die auf Youtube im nächsten Jahr die 30.000 er Grenze erreichen wird, nach mehreren tausend Gesprächen mit Betroffenen, ist der psychische Aspekt der Adipositas zu 99% unwesentlich – es handelt sich um eine körperliche Krankheit mit möglichen Folgen für die Psyche. Nicht umgekehrt.

ist adipositas psychische krankheit

Hier auf meiner Website möge alle Esoterik um unsere Erkrankung dem weichen, was unter der Oberfläche von Pauschalisierungen, Stigmata und Verurteilungen von Menschen mit Adipositas zumindest heute noch ein ziemliches Schattendasein führt.

Wie ist Schutzschild denn gemeint?

Mein »Ich bin fett« verhinderte, dass andere mir das sagten. Es schützte mich davor, ständig verletzt zu werden. Dazu musste ich es nicht Mal laut aussprechen. Die innere Einsicht erreichte, dass ich bereits ab der Oberstufe wenig Mobbing im Alltag erlebte – trotz erheblicher Abweichung von der Norm mit mindestens 170 Kilo oder mehr zu der Zeit.

40 Jahre »Ich bin fett« – und was kommt jetzt?

Dieses »Ich bin fett« in mir fühlte sich beruhigend an, bekannt und vertraut. Heute stehe ich vor der Herausforderung, dieses vierzig Jahre alte Mantra in meinem Kopf verblassen zu lassen. Ich meine, ich muss das doch jetzt mal langsam ablegen, oder?

Hier erreichen wir den Grund, warum ich heute überhaupt blogge. Geplant ist dieser Beitrag nicht, aber es liegt mir auf dem Herzen.

adipositas gedanken

Adipositas im Kopf besiegen?

 

Vom Druck, das »Vergangene« hinter uns zu lassen

Von vielen Seiten erreichen mich Nachrichten dazu, wie ich es schaffe, mich auf »schlank« umzustellen und die Geister der Vergangenheit zu verjagen. Es wird beinahe Druck aufgebaut, mit dem schlanken Körper auch alles loszulassen, was man in all den Jahren als Mensch mit Adipositas von sich gedacht hat.
Eine Zeit lang habe ich mich selbst gestresst gefühlt, weil ich unbedingt »mit dem Schlanksein« klarkommen »sollte«. Jetzt schüttelt es mich geradezu bei dem Gedanken.

adipositas loslassen 1

Muss man unbedingt loslassen?

 

Warum?

Die letzten 13 Jahre kämpfte ich gegen das »Monster« Adipositas, krempelte mein Leben komplett um. Ich ernähre mich überwiegend zielorientiert (hey, ich bin auch nur ein Mensch und esse manchmal Pizza oder Schokolade!), ich investiere täglich Zeit in meine körperliche Fitness und sorge für genügend regelmäßigen Schlaf, Sonne und frische Luft.

Mittlerweile kann ich meinem Sixpack im Spiegel zuwinken, was einen niedrigen Körperfettanteil bedeutet. Mein inneres »Ich bin fett« ist aber noch da und der äußere Druck wächst, dieses Denken loszuwerden.

sixpack nach adipositas 1

Sixpack als optisches Zeichen, dass an mir nichts adipös ist?

 

Wollen wir nicht alle ein bisschen “schlank” sein?

Ich beobachte das in der gesamten Community, viele sind überaus »beschäftigt« damit, sich an ein imaginäres »anderes« Leben anzupassen, und versuchen zwanghaft – vielleicht auf Grund gesellschaftlichen Zwanges – einen Geist loszuwerden.

Ist »Ich bin fett« überhaupt ein Problem?

Ich schreibe Geist, weil es sich bei »Ich bin Fett« – oder wie auch immer es in deinem Leben heißen mag – um einen Geist handelt. Etwas nicht existierendes.

Der Schock: Selbst extrem schlanke Menschen sind an manchen Tagen mit ihrem Körper unzufrieden, finden hier eine Delle nicht schön, da die Brüste nicht klein / nicht groß oder straff genug, das Doppelkinn zu schlabberig und die Winkearme … ojeee, lass uns davon nicht anfangen. Nicht zu letzt haben natürlich 50% aller Frauen zu kleine und flache Po`s und die Popos anderen 50% beantragen gerade das Recht, sich als eigenes Bundesland eintragen zu lassen.

flacher po nach abnahme

Bist zu flach oder Bundesland?

 

 

Nicht nur Menschen mit Adipositas oder Übergewicht kritisieren sich selbst

»Plötzlich« normal zu sein weckt bei vielen die Erwartung, dass Komplexe und Unzufriedenheit sich in Luft auflöst. Meiner Meinung nach entsteht so dieser ultimative Druck, das »dicke Leben« hinter uns zu lassen und völlig »schlank« im Kopf zu werden. Dass das nicht geht, hat uns niemand vorher verraten.

Niemand hat uns vorher gesagt, dass selbst Supermodels für die Modeschauen Wochen und Monate im voraus auf Diät gehen und mit Personal Trainer trainieren – dass sie auch Cellulitis haben und sich nicht jeden Tag scharf finden. Keiner hat uns erzählt, dass die gertenschlanke Kollegin morgens eine Stunde vor dem Spiegel steht und sich über ihren etwas vorgewölbten Bauch ärgert und die heiße Nachbarin von gegenüber Shapewear trägt, damit ihre Reiterhosen sie nicht erschlagen.

selbstzweifel adipositas

Unsere eigenen Selbstzweifel lassen uns oft auch die Zweifel der “Normalgewichtigen” mit einem Lächeln abtun und wegwischen. Nur weil unsere Speckrollen / Winkeärmchen größer sind. Komplexe sind kein Wettbewerb, wir sollten jeden ernst nehmen und versuchen, ihm oder ihr ein besseres Selbstwertgefühl zu geben.

Oh Schreck, Abnehmen beseitigt nicht unsere Natur als Frau

Nörgelei an uns selbst gehört zu uns dazu. Seit ich aufgehört habe, mich zwanghaft auf »Ich bin schlank« zu dressieren und mein inneres Mantra »Ich bin fett« akzeptiert habe – einschließlich der Tage, an denen mir ungefähr gar nichts an mir gefällt, geht es mir 1000x besser. Ich fühle mich dann einfach nur “normal” – und nicht defekt.

straffungsoperation nach abnehmen

Ich sehe mich im Bikini und denke »Ja, das bin ich« – jetzt mit all der noch vorhandenen losen Haut, mit der schönen Narbe von der kürzlich erfolgten Bauchdeckenstraffung. Mit dem Hagelschaden und den *räusper* zwei Hinterteilen mit Ausklappfunktion, im Grunde wie ein Transformer nur ohne Metall, dafür mit Airbags 🙂 Und vermutlich nicht besonders gut darin, die Menschheit gegen Angriffe aus dem All zu verteidigen. Meine alte Hose zeigt, dass ich früher einen Planeten als Hinterteil hatte – vom eigenen Planeten zum Bundesland – das ist doch was!

postraffung nach magenbypass

 

 

Aufhören tut gut!

Aufzuhören, zwanghaft irgendwas sein zu wollen, irgendwie über mich denken zu wollen – das tat gut. Es hat mich befreit. Deshalb sage ich es heute hier für dich und alle die es hören wollen:

Du bist in Ordnung so, wie du bist. Fettfühltage sind in Ordnung. Es ist auch in Ordnung, dich sexy zu fühlen – oder eben auch nicht. Sei einfach entspannt – die Erleichterung, niemandem gefallen zu müssen und auch Mal schwach sein zu dürfen, tut unendlich gut. Egal mit welchem Gewicht.

in ordnung wie du bist

Das gilt nämlich in beide Richtungen: Ob dick oder dünn, klein oder groß – dein Leben musst du führen und genießen und es hängt nicht in erster Linie von anderen Leuten ab.

Was ist deine Meinung zum Thema? Erwähne mich mit @magenbypassfreiburg in deiner Story oder deinem Profil mit deiner Geschichte <3