Inhalt dieses Artikels

Schwimmen

mit Gr. 68

Schwimmen mit Super Adipositas

Mein Herz rast. Die Wände scheinen mit jedem Atemzug näher zu rücken. Bei jeder Drehung stoße ich irgendwo an. Es riecht muffig nach abgestandenem Wasser. Langsam schnürt sich mir die Kehle zu. Es wird ernst. Die Zunge klebt trocken am Gaumen, ich schlucke und hole noch ein Mal Luft.

Mit einem letzten Zupfen korrigiere ich den Sitz meines Badeanzugs. An den Beinausschnitten quillt rechts und links meine Speckrolle heraus – das lässt sich nicht ändern. Heute habe ich keine Wahl. In Deutschland gibt es für Damen nur bis Größe 64 und die passt mir überhaupt nicht. Wenn ich warte, bis ein Badeanzug aus Amerika in 2-3 Monaten eintrifft, verlässt mich bis dahin vielleicht der Mut für diesen Stunt.

Was ich vorhabe, ist offensichtlich: Ich gehe heute Schwimmen.

Wir schreiben das Jahr 2006, etwa Anfang September. Mein Gewicht liegt circa um 290 Kilogramm, vielleicht ein paar Kilo mehr. Genau sagen kann ich das nicht – und im September 2006 ahne ich nicht mal, wie dicht mich mein Gewicht bereits ans Grab geführt hat.
Das werde ich erst Ende Januar 2007 erfahren.

 

Die Angst vor der Blamage

Horror
  Vorstellung

Chlor und Angstschweiß

Wasser

Ratte?

In diesem Augenblick fürchte ich mich aus anderen Gründen zu Tode. Ich möchte in einem Hauch Lycra, von meinem Speck transparent gezogen, vor die Augen der Öffentlichkeit treten.

Mit zitteriger Hand öffne ich die Tür der winzigen Umkleidekabine und quetsche mich seitlich durch die Tür hinaus in die Welt.

Im Badeanzug zeigte ich mich zuletzt vor fünf oder sechs Jahren. Damals war ich noch „schlank“ – also sagen wir, Kleidergröße 62. Seit meinen »schlanken Zeiten« ist mir mein Körper fremd geworden, er passt mir wie eine völlig verschnittene Jeans, die einfach nicht zu geht – aber eine andere habe ich nicht im Gepäck.

Ständiges Zupfen, Schieben und Schnaufen begleitet meinen Alltag in der fremden Hülle. Ich kann meine Beine nicht sehen und danke dem Schicksal in diesem Moment dafür. In den vergangenen Monaten wucherten meine Baumstämme – wie ich meine Beine nenne – zu einer deformierten Masse ohne Knöchel und Knie.

2006 habe ich noch nicht von Lymph-Lipödemen gehört, ich denke, ich bin einfach nur Fett.

Zweifel

Die Dusche vor dem Schwimmen ziehe ich in die Länge und schiebe den bevorstehenden „Walk of Shame“ vor mir her, an den ich mich aus Teenagerzeiten erinnere.

Kennst du den auch? Es ist der endlos erscheinende Weg von den Duschen bis ins Wasser. Der Weg, auf dem alle Anwesenden genug Zeit haben, jede einzelne meiner Dellen, Falten und Speckrollen zu katalogisieren und Gemeinheiten in meine Richtung zu werfen.

Ich bin selbstbewusst – solange ich meine Jeans in Gr. 68 und Sweater in 10 XL trage. Im Badeanzug erreicht mein Selbstbewusstsein den Tiefpunkt, als meine Hand die Tür zur Schwimmhalle aufschiebt. Chlorgeruch drückt mir in die Nase.

Meine Mutter hat Chlorallergie. Sollte ich doch besser umkehren, falls ich das auch habe? Der Kloß im Hals wächst und mit ihm schwindet der Mut, es wirklich zu tun. Mein Leben zu ändern und mit Sport anzufangen.

Unsicher in Badekleidung

Unterbewusst spüre ich aber, dass mir keine Wahl bleibt. Ich kämpfe hier um mein Leben, es geht längst nicht mehr um Luxusgüter wie Aussehen oder allgemeine Gesundheit.
Mit super morbider Adipositas kann bereits eine Bagatellverletzung oder ein eigentlich »kleiner« Eingriff wie z.B. die Entfernung einer Gallenblase ein Todesurteil sein, weil eine OP nicht möglich oder extrem gefährlich und eine Genesung umso schwerer ist.

Deshalb kann ich mir nicht erlauben, zu kneifen.

Nein! Ich gebe jetzt nicht auf! Mein Herz schafft es nicht, das Wasser aus meinen Beinen wieder hochzupumpen. Deshalb sind meine Knöchel so prall wie die Unterschenkel.

Mir läuft die Zeit davon, ich bin überzeugt, ich habe bereits mit dem Sterben angefangen.

Ich schubse die Tür beiseite und trete in die Schwimmhalle.

Tödliche Gefahr!

Endlich

Es ist früh am Morgen und bis auf ein paar Rentner ist niemand da, der bei meinem Anblick kollabieren könnte. Puh, Glück gehabt. Keine debilen Jugendlichen, kein Gelächter – ein paar alte Herren mit Schwimmhaube heben ihren Blick nicht mal aus dem Becken.

Trotzdem: Der Weg bis ins Wasser erscheint meilenweit, der Schweiß steht mir auf der Stirn und ich bekomme kaum Luft.

Allgemein fällt mir das Atmen schwer, ich habe das Gefühl, meine Lunge passt nicht in meinen Brustkorb. Das passiert immer, wenn ich unter Stress gerate. Mittlerweile aber auch einfach so, wenn ich mich zu sehr angestrengt habe.

Schwimmen ist ideal bei Adipositas

Schwerelos nach Jahren.

Endlich tauche ich ins Wasser und sofort verlässt mich die Anspannung. Das Becken fühlt sich wie ein Schutzanzug an, nur mein Kopf schaut heraus und ich bin das erste Mal seit Jahren leicht. Nicht nur mein Körper, auch die sonst immer um die Last meines Lebens kreisenden Gedanken schweigen.

Ich schwimme. Nicht schnell, nicht weit. Aber ich tue es!

Das Gefühl der Befreiung überwiegt. Hier im Wasser schmerzen meine Hüften nicht, meine Knie bewegen sich frei.

 

Jetzt Uhr tickt schon wieder. Ich sehe, wie der Sekundenzeiger über das Ziffernblatt gleitet und ich bin erleichtert, wie gut ich schwimmen kann. Mein Ziel sind zwanzig Minuten Bewegung, ich schaffe es, die volle dreiviertel Stunde zu paddeln.

Der Schock trifft mich erst wieder, als ich das Becken über die Treppe verlassen will. Obwohl es ein behindertengerechter Ausstieg mit breiten Stufen und Geländer ist, schaffe ich es nur mit letzter Kraft, meinen Körper wieder an Land zu hieven.

Die Schwerkraft kehrt mit aller Macht zurück, ich habe das Gefühl, mein Körpergewicht zwingt mich in die Knie. Ich stütze mich auf dem Rückweg an der Wand und schnappe nach Luft, der Weg zur Dusche scheint kilometerweit.

Fazit

Als ich an diesem Morgen wieder im Auto sitze, muss ich weinen. Die Anspannung fällt von mir ab, ich bin stolz auf mich und gleichzeitig kriecht mir die Angst in den Nacken. Wie anstrengend allein das an- und ausziehen in der winzigen Kabine ist, der Ausstieg aus dem Becken, der Rückweg zum Auto. Ich bin fix und fertig, körperlich und psychisch.

Schaffe ich diesen Marathon mehrmals die Woche? Zweifel breiten sich aus. Zweifel, die ich an diesem Tag beiseite schiebe. Es geht ums nackte Überleben und das will ich! Ich habe einen Mann, der mich liebt, eine tolle Familie, Freunde und nette Arbeitskollegen.
Sogar einen Job, den ich mag.

Den Tränen nahe

Ich werde und muss dafür kämpfen, weder den Rest meiner Tage im Rollstuhl zu fristen, noch in den nächsten Jahren viel zu jung an einer Bagatelle zu versterben oder im Bett zu leben, wie ich es aus dem Fernsehen über die Menschen mit Superadipositas kenne.

An diesem Morgen 2006 liegt der Bodennebel noch über der Straße, als die Entscheidung fällt: ich werde mein Leben umstellen, dauerhaft. Die Zweifel weichen der Zuversicht: Von Mal zu Mal wird mir das Schwimmen leichterfallen – und alles, was damit zusammenhängt.

Ich sollte Recht behalten, doch damals wusste ich das noch nicht. Hätte ich damals geahnt, wie weit der Weg werden würde – und wie viele Höhen und Tiefen ich überwinden müsste, keine Ahnung, ob ich die Kraft zu Start gefunden hätte.

Auch die weiteste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, das hier war meiner. Und ich habe ihn nie bereut.

Ich werde kämpfen!

Trau dich!

Ich erzähle diese Geschichte heute, um Menschen zu erreichen, die ihre Hoffnung noch nicht gefunden haben. Menschen, die sich vor dem ersten Schritt fürchten, weil sie Angst vor Kommentaren oder Blicken haben.

Nichts von all dem geschah, keine Kommentare, keine Blicke. Ich musste mir eingestehen, dass nur ich selbst es gewesen bin, die mir die Jahre zuvor »Hausarrest« erteilt hatte.

Kennst du jemanden, dem der Mut zum Start fehlt? Teile gerne meinen Artikel zur Inspiration. Möchtest du deine Geschichte erzählen? Markiere mich auf Instagram unter @Magenbypassfreiburg oder @yourdietangel und ich teile deine Erlebnisse in meiner Story, sofern es thematisch passt.

Viele liebe Grüße und eine erfolgreiche Woche,

Anne

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