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Meine Wahrheit über Lipödeme

anne marilyn shooting bild

Meine Beine in einer normalen Strumpfhose bei 92 kg – vor Straffungsoperationen.

Lügen & Wahrheiten über Lipo-Lymphödeme

Lipödeme sind trendy – beinahe auf perverse Weise eine Art Hype in der Adipositas Community.  Täglich spült das Netz mir Fragen zu Lipödemen in die Postfächer. Es sind interessante Fragen zu Lipödemen dabei, zum Beispiel: “Wie ernähre ich mich eigentlich richtig bei Lipödemen?”   “Welchen Sport »darf« ich mit Lipödem überhaupt?”  »Warum« kann ich mit Lipödem nicht abnehmen?”  Außerdem haben viele von euch nachgefragt, weshalb ich die “Lipödem Diagnose” bereits jahrelang mehr oder weniger “geheim halte”.

Real Talk zu Lipödemen: Ihr habt es ja so gewollt

Es wird also Zeit, dass ich mich dem Thema Lipödem mit Adipositas widme. Obwohl ich meine Diagnose „Lipo-Lymphödem“ bereits viele Jahre habe, vermied ich bisher, mich dazu detaillierter zu äußern. Diese Themenserie über das Lipödem eröffne ich deshalb quasi mit dem „Grund“ für meine Zurückhaltung in dem Bereich:

Meine Meinung – gebildet jenseits von Facebookgruppen und dem Gemaule *sorry* der besonders „lauten“ Betroffenen – ist unpopulär. Vielleicht stößt sie dir ein wenig vor den Kopf und ja, sie tut auch ein wenig weh, vermute ich. Zumindest „schmerzten“ mir diese Erkenntnisse Ende 2016.

Aber sie halfen auch, das Blatt meines Lebens zu wenden und Dummheiten, wie “Fettabsaugung zur Lipödem Behandlung” bei einem BMI jenseits von Gut und Böse abzuhaken unter kollektivem Schwachsinn aus dem Internet.

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Meine Hose in Gr. 68/70 bei etwa 290 kg mit Lipo-Lymphödemen inkl. Wammenbildung an den Unterschenkeln vs. meine Hose in Gr. 38 nach Magenbypass OP

 

Lipödeme – und meine Sicht der Dinge

Fangen wir direkt da an, wo ich in den letzten Wochen ganz schön leiden musste.

Vor 14 Tagen postete ich die Download Vorlage zum Lipödem Tagebuch (Lipödem Tagebuch Download) relativ unkommentiert. Kein guter Plan, warum erkläre ich später. Ich nahm euch über Instagram Stories mit zum Vermessen und Aussuchen meiner neuen Flachstrick Ausstattung für dieses Jahr und das war dann der zweite Fehler.

Hätte ich gewusst, welchen Ansturm an zum Teil bizarren e-Mail Kontakten das auslöst, wäre ich nicht ganz so naiv an das Teilen meiner privaten „Dokumentationhilfe der Beschwerden“ und das Teilen der üblichen Behandlung meiner Beschwerden herangegangen.

Deshalb stehen wir also heute hier – meine fünf Cent als Lipödem Patientin über die „sagenumwobenen“ Lipödeme.

wahrheit lipoedeme

Die Bilder zur Illustration dieses Beitrags wurden nicht “verzerrt” oder mit Photoshop an meiner Körperform retuschiert! Das aktuelle Lymphödem an beiden Thoraxseiten ist genauso zu sehen, wie die natürliche Form meiner Beine nach der Hautstraffung in einer hauchdünnen Strumpfhose (20 DEN). Eine Liposuktion der Lipo-Lymphödeme (Oberarme, Oberschenkel) wurde NICHT durchgeführt. Ihr seht mich 3 Jahre nach dem Magenbypass nach 6 von 7 Wiederherstellungsoperationen.

 

1. Lipödeme sind Arschlöcher

Lipödeme sind Arschlöcher. Vor allem aber – Luft anhalten – existieren sie nicht wirklich so, wie es im Internet und in den Mainstream Medien mittlerweile beinahe *ähm* gefeiert wird. Adipositas und Lipödeme werden wild durcheinander gewürfelt und am Ende kommt vor allem eins raus: Hoffnungslosigkeit und beinahe eine Art Schockstarre bei Betroffenen, die zu wenig hilfreichen „Überzeugungen“ führt. Der Fragenkatalog allein von den letzten 3 Tagen – Doubletten habe ich bereits rausgelassen.

„Das Lipödem kann man durch abnehmen und Sport nicht behandeln.“
„Ich wurde mein Leben lang für adipös oder fresssüchtig gehalten. Jetzt weiß ich, dass ich eine chronische Erkrankung hab. Die Krankenkasse hat meine Saugungen abgelehnt und mir geschrieben, dass ich einen Magenschlauch legen lassen soll. Selbst die Kassen verwechseln Lipödeme mit Adipositas.“ (← die Dame hat einen BMI von 52 und einen Taillenumfang von 138 cm)
„Das Lipödem kann nur mit Fettabsaugung behandelt werden.“
„Warum lässt du dir die Lipödeme nicht absaugen? Du bist doch jetzt normalgewichtig, da bezahlt das die Krankenkasse.“ (← das ist übrigens erst Mal pauschal eine Fehlannahme)

 

vorher nachher instagram

Meine Beine (links) um etwa 170 kg vor der Magenbypass OP. Ich trage eine Leggings in Gr. 56. Mein Ausgangsgewicht liegt gut um 290 Kilo – da trug ich übrigens Größe 68/70. Abnehmen trotz Lipödemen und Lymphödenen ging bis zu einem gewissen Grad auch ohne eine Adipositasoperation. Meine Beine sehen bereits auf dem Vorher Bild schon hervorragend aus. Im Bereich des Höchstgewichts hatte sich an den Unterschenkeln – vermutlich – ein Lymphödem gebildet mit Überhang auf die Füße. Das schrumpfte ohne Magenop im Zeitraum von etwa Sept. 2006 bis März/April 2007 durch Ernährungsumstellung und jeden 2. Tag Aquasport wunderbar.
Du siehst also: Umfänge der betroffenen Areale haben sich alle enorm verändert – anders wäre ich ja nie von Gr. 68 auf Gr. 56 gekommen! Lasst euch keinen Blödsinn erzählen. Ja, wenn ihr abnehmt, bleibt eure Fettverteilung gleich – aber die Umfänge schwinden überall bei den meisten Leuten, die ich kenne. Genaugenommen kenne ich persönlich viele 100 betroffene Patientinnen und übers Netz einige tausend Betroffene durch regen Austausch – ALLE haben ihre Situation enorm verbessert durch Reduktion ihres Körperfettanteils!

 

Lipödem Lügen: Mir stehen die Haare zu Berge

Mir stehen von diesen Nachrichten wirklich die Haare zu Berge. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der elektronischen Horrorshow, die eindeutig zeigt: Freunde, wir müssen verdammt noch mal reden!

Bitte versteh mich nicht falsch. Ich erkenne an, dass die Facebook (Jammer-) Gruppen und entsprechenden Foren oft überquellen von dramatischen Geschichten. Ich streite auch nicht ab, dass es schmerzhafte Störungen der Fettverteilung gibt, die die Lebensqualität stark einschränken und einer adäquaten – facettenreichen – Behandlung bedürfen. Das sind schlimme Belastungen, da müssen oft mehrere Fachärzte gemeinsam helfen und die Patientin muss mitziehen, die Behandlung einhalten – aber es ist nicht das Ende der Welt. Gerade dann, wenn du rechtzeitig mit den richtigen Maßnahmen reagierst.

 

selbstmanagement lipoedem

Das ganze “du kannst nicht …” “du brauchst nicht …” (Lebensumstellung nutzt nichts) – das hilft nicht weiter!
Positiv selbst nach Lösungen suchen, herausfinden, was für uns selbst zur Linderung der Beschwerden beiträgt – Fachärzte aufsuchen, auch mit Zweitmeinungen arbeiten. Selbst recherchieren – tu alles, aber lass dich nicht auf das laute Gemaule ein, mit dem du keinen einzigen Schritt nach vorn machen kannst. – Das ist meine Strategie und die hat mir all die Jahre gut getan! Vielleicht probierst du das auch mal aus?

 

2. Lipödem – sind dicke Beine das Ende der Welt?

Dass allein das Wort „Lipödem“ unlogisch ist, hat mir 2017 bereits ein erfrischend redefreudiger Gefäßchirurg erklärt. Reden wir aber heute nicht über die Fehlerhaftigkeit des Wortes per se – sondern über die Informationen hinter dem „Lipödem – Hype.“

Lipödem – die neue Trenderkrankung

„Hype“ ist übrigens genau das richtige Wort für den Aufschwung des Lipödems in der Beliebtheit auf Social Media. Unbestreitbar hat das auch gute Aspekte. Betroffene werden auf dieses Krankheitsbild aufmerksam gemacht und können sich fachlich kompetente Hilfe suchen in spezialisierten Behandlungszentren.
Die Schattenseite des Hypes wirft mittlerweile haushohe Schatten, die so beängstigend und verstörend sind, dass ich mich kritisch frage, ob die Lipödem Influencer uns Menschen mit Adipositas wirklich einen Gefallen mit ihrem Medienzirkus tun.
Es ist wichtig, Bewusstsein für eine Krankheit zu schaffen – aber ist es hilfreich, einen Brei aus Wunschdenken, Illusionen und Fehlinformationen zu verbreiten?

 

fettverteilungsstoerung oder bonus

Mein Hüftumfang /Po in meiner dicksten Phase lag bei 260 Zentimeter.
In einem Golf IV konnte ich gerade so hinter dem Fahrersitz Platz finden. Der Bauch auf dem Lenkrad.
Das Bild (links) zeigt mich etwa 60 Kilo unter Höchstgewicht mit 22 Jahren. Da sieht es bereits dramatisch aus. Alle sagten immer, ich habe hinten eine “Theke”, wie ein Tresen, an dem man Bier trinken kann.
Das Bild rechts zeigt meinen Hintern mit etwa 90 Kilo – vor der Straffung der überschüssigen Haut am Gesäß!
Abnehmen verändert extrem die Umfänge, auch bei Fettverteilungsstörungen. Selbst mit 90 Kilo war mein Hintern deutlich rund – im Vergleich zu 260 cm Hüftumfang hatte ich nur noch 104 cm! Kleidergröße lt. Maßtabelle ist für 260 cm für Deutschland nicht ermittelbar! (156 cm Hüfte wären Gr. 62; in den USA kaufte ich Stretchosen in 38/40 WW also etwa 68-70 Damengröße). Für 104 cm ist es die deutsche Gr. 42.
Hoffnung auf Besserung der Fettmassen allgemein durch die geeigneten Maßnahmen ist real! Natürlich habe ich seit 2006 konsequent meine Ernährung umgestellt und viel Bewegung im Alltag plus Krafttraining und Ausdauertraining integriert. Von nichts kommt nichts – und von nichts ändert sich auch nichts. Die größte Änderung brachte der Magenbypss 2017.

 

3. Störungen des Fettgewebes – a.k.a. Adiposopathien

Fakt ist: Es gibt zahlreiche in der Medizin bekannte Erkrankungen / Störungen des Fettgewebes in seiner Form und/oder Funktion. (Bariatric Endocrinology – Kapitel „Adiposopathy Conditions“ (1) darunter sind neben wenigen schmerzhaften Diagnosen zahlreiche schmerzlose Ansammlungen von Fettdepots. Lipo-Lymphödeme sind also nur ein Bruchteil der möglichen Erkrankungen.

Im Lehrbuch zur bariatrischen Endokrinologie finden sich verschiedene Erklärungsansätze, warum Menschen mit extremem Gesamtkörperfett zu Ödemen neigen. Veneninsuffizienz in den Beinen, erhöhter Druck im Bauchraum durch den hohen Bauchfettanteil, der den venösen Rückfluss des Blutes zum Herzen stört, Pfortaderhochdruck im Rahmen einer fortschreitenden Fettleber – oder sogar Herzversagen.

lipoedem mit und ohne magenbypass

Zwei Mal “ich” mit etwa dem gleichen Körpergewicht.
Wo liegt der Unterschied? Links hatte ich mich mit Ernährung und Sport von 290 Kilo auf 95 Kilo heruntergekämpft. Rechts habe ich die diversen Hormonumstellungen durch den Magenbypass mitgenommen und wesentlich besser Fett abgenommen und Muskeln erhalten. (Bild vor allen WHO´s!)  Ist die wirksamste Behandlung für Lipo-Lymphödeme bei massiver Fettleibigkeit vielleicht die metabolische Operation?

 

Ein eingängliches Beispiel möchte ich näher ausführen

Dem Herz fehlt aus verschiedenen Gründen die Kraft, Sauerstoff, Nährstoffe aber auch Abfallstoffe aus den Beinen zurück Richtung Herz zu pumpen. (3)
In der Folge kommt der Stoffwechsel in dem Areal immer mehr zum Erliegen, die Zellen werden nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt.
Unsere Zellkraftwerke – die sogenannten „Mitochondrien“ funktionieren nicht mehr korrekt. Die Fette aus dem Essen (außer der mittelkettigen Triglyceride (MCT), werden durch das Lymphsystem transportiert. Ein nicht mehr einwandfrei funktionierendes Lymphsystem ist sicher nicht ideal, um die Fette zu transportieren – die Zellkraftwerke, die das Fett in Energie umwandeln sollen, sind dazu kaum noch in der Lage.

Mir gefällt es am besten, das Lipödem als Stau von Fett und ggf. Wasser im Gewebe zu betrachten – ein Stau, der faktische medizinische Gründe hat und im Fahrwasser vorhandener oder entstehender Fettzunahme bzw. Adipositas entsteht.

 

fettverteilungsstoerung lipoedem

Übergewicht und Adipositas – ist es Zufall, Lipödeme die gleichen auslösenden Faktoren aufweisen?

 

4. Adipositas? Hab ich doch gar nicht! Ich habe Lipödeme!

Warum ist das Lipödem eigentlich so beliebt?

Ihren Ruhm verdanken die Lipödeme vermutlich ihrem (ebenfalls zumindest fehlerhaften) Ruf, für Fettleibigkeit als alleinige Ursache verantwortlich zu sein. Adipositas, Fettleibigkeit, Übergewicht sind nämlich „out“.

Die WHO definiert Adipositas 1998 als chronische Erkrankung

Die Welt Gesundheitsorganisation erkannte Adipositas 1998 bereits als chronische, progressive Krankheit mit epidemischen Ausmaßen an.
22 Jahre später erkannte auch der Deutsche Bundestag Adipositas als Krankheit an – im Rahmen der neuen Behandlungsstrategien für Diabetes.
(Bundestag 3. Juli 2020)
Für Lipödempatienten unter bestimmten Kriterien eine Fettabsaugung zu Lasten der Krankenkassen durchzusetzen – damit befasste sich unser Gesundheitsminister noch vor dem Thema Adipositas.

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Adipositas ist super unbeliebt. Die “hat man besser nicht”

 

Lipödeme sind viel “geiler” als Adipositas. Sogar für den Bundestag.

Es tut mir leid, aber das ist so schräg! Die Grunderkrankung wird zu Gunsten der „trendigen“ Begleiterkrankung mit dem makelhaften Namen „Lipödem“ einfach zu den Karteileichen geschoben und wurde auch auf der Bundestagssitzung nur gefühlt „ungern“ als Nebendarsteller auf der Bühne der Diabetes zelebriert.

Adipositas hat einfach immer und überall den Platz in der zweiten oder dritten Reihe, irgendwo zwischen Walk of Shame und dem Keller des Hausmeisters. Redet man am besten nicht drüber.
Adipositas ein peinlich und sollte besser nicht erwähnt werden. Behandelt schon mal gar nicht. Magenoperationen sind total unseriös, schließlich ist der Magen total gesund und es reicht ja auch, sich etwas zusammenzureißen, oder?

 

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“Musst du dich jetzt auch noch operieren lassen? Du hast doch schon so viel ohne OP abgenommen!” – Das habe ich 2017 täglich dutzende Male gehört. Und die Jahre davor immer zu mir selbst gesagt! Wozu sollte man Adipositas auch von Experten behandeln lassen, wenn sich der Durschnittsbürger auf der Straße prima damit auskennt? Schließlich macht doch jeder, der was auf sich hält, quasi seit Kindesbeinen Diät. Meine erste Abspeckkur über 6 Wochen machte ich in den Sommerferien zwischen 4. und 5. Klasse. Effekt der Kur: kurzzeitig ein paar Kilo leichter, langfristig viele Kilo schwerer. Und an der Seele zutiefst verletzt! – Ich kehrte mit meinen “adipösen” Genen zurück in eine fettmachende Ernährungsweise und ständige Angst vor Mobbing in der Schule und Mobbing vom eigenen Vater, weil der ein “dickes Kind” ablehnte. Jede Woche fürchtete ich mich vor dem Sonntag, wo mein Vater mich wog und totale Ausraster kriegte – inklusive gewalttätiger Ausfälle – wenn die Zahl auf der Waage nicht stimmte. Oft schlief ich bereits ab Donnerstag kaum noch nachts, weil der Sonntag näher rückte.

 

Die Lipödem Community kocht

Du siehst es an den Reaktionen in der Lipödem Community, wie weit „hinten“ Adipositas oder Übergewicht auch in den Köpfen der Betroffenen angesiedelt ist. Erntete Spahn und die Lipödem Leitlinie Applaus, dass Fettabsaugung jetzt unter bestimmten Voraussetzungen zur Kassenleistung wird?

Nein. Natürlich nicht. Überwiegend herrscht Unmut über die „Kriterien“ für die Absaugung des Lipo-Lymphödems.

Diese ist nämlich maximal bis zu einem BMI von 35 möglich – üblicherweise für Betroffene mit Stadium III Lipödemen.  Damit sind schwer adipöse Betroffene mit Lipödemen von dieser Behandlung im Regelfall ausgeschlossen.  Oje, ich habe es schon wieder gesagt. Adipös. Natürlich ist eine Lipödempatientin mit einem BMI von 40 oder höher nicht adipös, oder?

 

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(Links) vor dem Magenbypass, rechts nach dem Magenbypass. Meine “dicksten Stellen” waren und sind Oberschenkel, Unterschenkel und Oberarme. Aber Mal Hand aufs Herz: ich war doch nicht nur dort dick, wo Lipödeme diagnostiziert wurden. Wäre es nicht gerade gefährlich und verantwortungslos, die Adipositas zu ignorieren und stattdessen so zu tun, als wäre ich nur wegen der extrem dicken Beine und Arme “zu fettreich”?

 

5. Adipositas – selbst schuld!

Frag die Leute auf der Straße: An Fettleibigkeit bist du schlichtweg selbst schuld. Friss weniger, beweg dich mehr. Stoffwechselstörungen? Schilddrüsenunterfunktion? Diabetes? Gene? Psychologische Probleme? Ach komm, das sind alles nur Ausreden.
Arschbacken zusammenkneifen, Augen zu und ab geht es mit der Romantik.

Im übrigen hat bei Adipositas ohnehin jeder DAS Patentrezept für dich, die neueste Crash Diät oder Hardcore Workout Plan, mit dem du garantiert zur Bikinifigur kommst.
Wenn du es nicht packst, bist du halt selber Schuld. Das ist eben dein schwacher Charakter, nichts sonst.
Kommt dir das bekannt vor?
Adipositas ist einfach immer ein „No Go“.
Adipositas als Krankheit zu bezeichnen gleicht beinahe einem Tabubruch. Gewissermaßen die Krönung der Ausreden.

 

adipositas ist ein no go

Die Diskriminierung von Menschen mit Übergewicht oder Adipositas führt nicht nur dazu, dass Betroffene enormem psychischen Stress ausgesetzt sind. Es ist wissenschaftlich untersucht, dass diese Stigmatisierung zur stetigen Progression der Erkrankung erheblich beiträgt. “Obesity begets obesity” – eine traurige Sache! Unakzeptabel und ändernswert. Dafür aber eine Fettverteilungsstörung als Ursache statt als Begleiterkrankung zu behandeln? Machen wir da vielleicht den Bock zum Gärtner?

 

6. Der Ritter auf dem weißen Einhorn

Und jetzt stell dir vor, der sprichwörtliche Ritter auf dem weißen Einhorn kommt aus den Internetforen getrabt und nimmt alle Schuld und Verantwortung von dir.
Das Lipödem.
Da steht es vor dir, kriecht dir die Oberschenkel hoch und beißt sich da fest. Kannst du gar nichts gegen tun.
Für das Lipödem „kann man ja nichts.“ Das ist eben eine Krankheit. Es wird von sich aus schlimmer, egal was du isst oder tust. Regelmäßige Bewegung, ein stabiles Körpergewicht bei Übergewicht oder leichter Adipositas – bzw. eine metabolische Operation bei fortgeschrittener Fettleibigkeit – alles wirkungslos.
Merkst du was? Schon jetzt möchte ich in dieser Gedankenwelt nicht Mal tot über den Zaun hängen. Denn dieser „strahlende Lipödem Ritter“ nimmt nicht nur die Schuld, er nimmt dir alle Macht, alle Verantwortung. Jeden eigenen Antrieb zur Veränderung – das alles löst sich in Wohlgefallen auf.

lipo lymphoedem abnehmen

Vor und nach Magenbypass – das Vergleichsbild zeigt etwa um 170 kg vs. circa 103 Kilo – also komplett ohne Straffungsoperationen! Abnehmen verändert die Lipödeme nicht?

 

Wie die Story um das Lipödem noch besser wird

Die Story wird sogar noch besser. Denn dieser Ritter auf dem weißen Einhorn hat einen absolut wunderbaren Ruf, der auch das letzte Fünkchen „Eigenverantwortung“ von den schwer tragenden Schultern zaubert:
Ein Lipödem verändert sich nicht durch abnehmen. Es wird von alleine schlimmer, man kann da gar nichts machen. Ernährungsumstellung und Bewegung sorgen dafür, dass die ohnehin „schlanken“ Körperteile noch mehr abnehmen und die Beine (und ggf. Arme) dick bleiben.
Am Ende stehst du obenrum abgemagert da – und zwar immer noch auf dicken Beinen.

Schau mal genau hin in den Foren: Wie viele Menschen mit Bildern sind dort, wo ein eindeutig sehr schlanker Mensch deutlich erkennbare Stadium II oder Stadium III Lipödeme hat? Der Begriff “Einhorn” trifft also hier auch zu. Die Menge der Beispiele geht gegen Null. Da sehnt man sich zurück in die Zeit vor “Erfindung” des Lipödems, als normalgewichtige und leicht übergewichtigte Damen über Orangenhaut schimpften und dickere Damen eben einfach dicker waren. Heute ist alles ein riesen Drama.

 

dicke beine oder lipoedem

Meine Beine sind immer noch nicht “super dünn” – und hey, das sieht doch zu meiner Figur stimmig aus. Manchmal sind es vielleicht unrealistische Erwartungen an eine Gewichtsabnahme nach extremer Adipositas, die zu Unzufriedenheit führen. Mit Sport und der Einhaltung der Magenbypass Ernährung – und natürlich dank des besten Adipositaszentrums überhaupt (Uniklinik Freiburg – Profressor Marjanovic) habe ich zuerst aus der Abnahme das Maximum rausgeholt.  Dr. Holger Klose (artMED berlin) holt mit mir nun das Maximum raus, in dem er die Hautstraffungsoperationen meisterhaft hinkriegt. Trotzdem werde ich nie wie ein Model aussehen – das war aber auch nie das Ziel. Ich möchte gesund leben und langfristig meinen Fettanteil stabil halten. Ich schreibe übrigens “Fettanteil”, weil ich als Kraftsportlerin und bei meiner Neigung zu Wassereinlagerungen nie für mein Körpergewicht garantieren kann 😉 Muckis sind schwere Ware, frag meinen Sixpack 🙂 Übrigens – ich habe 100% meines Übergewichts verloren! Genial, oder?

 

Das Lipödem nutzt in vielerlei Hinsicht

Dank Lipödem bist du die ungeliebte Brandmarke „Adipositas“ los, die ist ja auch kein bisschen glamourös. Stattdessen bist du jetzt Lipödempatient. Einfacher gesagt: In den Augen der Welt werden wir vom Täter (Adipositas – Friss weniger, beweg dich mehr) zum Opfer (Du armes Kind hast eine schlimme Krankheit, für die du gar nichts kannst – und an der du nichts ändern kannst).

Vom Täter zum Opfer

Opfer sind passiv ihrem Angreifer ausgeliefert. Das Leben umgestalten, Essgewohnheiten ändern, Bewegung in den Alltag integrieren – super, das können wir endlich lassen! Psychotherapie beispielsweise bei Körperbildstörungen? Bitte nicht! Ich hab dicke Beine und Schmerzen und nichts an der Psyche.

Aufatmen, der lebenslange Diätenirrsinn ist vorbei. Stattdessen gibts da den nächsten Hype: das Absaugen der Lipödeme. Platt gesagt: Juhu, ein anderer machts! Such mal in Pubmed und Co. nach langfristigen Studien zur Wirksamkeit und du landest im Wilden Westen. Einsame Mistelzweige pustet der Medienwind da durch die verlassene Wüstenstadt. Selbst die Berichte der Betroffenen sind gemischt – sehr häufig kann das Gewicht nach Fettabsaugung nicht gehalten werden – und mit der erneuten Fettzunahme tauchen auch die Beschwerden wieder auf.

zitate marilyn monrie genial schoen

Schönheitsideale tragen sicherlich dazu bei, dickere Beine als “krankhaft” zu sehen. Sogar Frauen, die nur leicht “pummelig” sind, fühlen sich oft einfach nicht schön genug – obwohl sie z.B. für mich hinreissend aussehen.

 

Die einfache Lösung: Einfach absaugen

Die einfache Lösung. Wer kann es uns verdenken? Hand auf Herz, welcher Mensch mit überdurchschnittlich hohem Fettanteil hat sich nicht schon mal gewünscht, über Nacht einfach alle Fettdepots absaugen zu lassen? Ich selbst habe mir das auch oft heimlich gewünscht. Einfach alles absaugen und fertig. Da ist nichts „Schlimmes“ dran, Ungeduld ist absolut menschlich!
Jahrelanges abnehmen, am Ball bleiben, managen der Adipositas vs. ein paar „kleine“ OP´s – die in einer perfekten Illusion keinerlei Risiken haben – und schwupp, bin ich lebenslang dünn.

 

flaschengeist hext fett weg

Wer wünscht sich nicht hin und wieder einen schnellen Ausweg?

 

Fettabsaugung als Lipödem Behandlung

Ist eine Fettabsaugung die richtige Behandlung für ein „Lipödem“? Diese Frage steht auf einem ganz anderen Blatt. Die müssen im individuellen Fall die behandelnden Ärzte beantworten – aber eben individuell und NACH Behandlung vorhandener Adipositas.

Springen wir in ein Beispiel aus diesem Text. Die Dame, die mir schrieb, dass ihre Krankenkasse ihre Lipödem Absaugungen abgelehnt hat, weil sie als Sonderfall mit BMI 52 nicht für eine Liposuktion in Frage kommt. Meiner Meinung nach hat sie eine tolle Krankenkasse! Der Arzt vom Medizinischen Dienst legte ihr einen Schlauchmagen an Herz und ich finde das ehrlich gesagt super vorbildlich! Kein unnützes Rumgeplänkel mit “Diät und Sport Mythen” – stattdessen mit scharfem Blick direkt das eigentliche Problem angehen. Einfach klasse.

Natürlich verstehe ich, dass die Dame zuerst enttäuscht war. Absaugen klingt natürlich “schneller” und ist “passiver” möglich. Keine Eiweißphase, keine Lebensumstellung, keine Einschränkung in dem, was du vielleicht lebenslang essen kannst/musst – einfach nur weg mit dem Fett. Wie gesagt: Es ist menschlich, so bequem zu denken. Verwechsele das nicht mit disziplinlos oder faul – wir sind auf “den effizientesten Weg” programmiert.

Ich habe mit ihr geschrieben und sie ermutigt, sich an ein Adipositaszentrum zu wenden und in der Zwischenzeit mit Kompression, Bewegung nach ihren Möglichkeiten und einer gewissen Ruhe mit ihren Lipödemen umzugehen.

Die Körpermaße fördern die Wahrheit zu Tage

Meine allererste Frage an sie war übrigens die nach ihren Maßen. Ist wirklich nur das “Lipödem” problematisch – also ganz lokalisiert zum Beispiel bei ihr in den Beinen – müsste ihre Taille ja obenrum schlank sein und die Beine extrem ausgeprägt. Ein Taillenumfang von über 130 cm ist schwerst adipös! Dazu schrieb sie für ihre Oberschenkel 72 cm , für die Hüfte 170 cm und für die Oberarme 40 cm. Statt eines Fotos von ihr gibt es aus Diskretionsgründen ein Vergleichsmodell: mich.

Gucken wir uns noch Mal mein Bild um 170 kg (BMI 54) noch Mal an – an der dicksten Stelle betrug mein Bauchumfang 124 cm und an der schmalsten Stelle (Bauchnabelhöhe, zwischen den Fettrollen) sogar nur 102,6 cm (9. Mai 2017). Mein Oberschenkelumfang betrug 85 cm. Die Fettmassen an meinen Extremitäten waren betonter als bei der Dame aus dem Netz. Dafür lag meine Hüfte “nur noch” bei 156 cm.

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Dieses Bild entstand am 2. Juli 2017 – am 4. Juli operierte mich Professor Marjanovic mit seinem Team am Uniklinikum Freiburg

 

Magenbypass oder Schlauchmagen – die beste “Operation” bei Lipödemen

Sei mal ehrlich: Denkst du wirklich, mir hätte eine Liposuktion von Armen und Beinen langfristig eindrucksvoller geholfen, als eine Magenbypass Operation? Versteh mich hier nicht falsch, eine Fettabsaugung ist sicherlich eine Option, wenn sich die Beschwerden auch nach dem Erreichen eines normaleren “Fettanteils” über lange Zeit nicht bessern. Ich bin nicht “gegen” diese Methode. Wer weiß, vielleicht brauche ich die auch irgendwann, wenn die Beschwerden nicht aufhören. Sag niemals nie. 

Social Media und meine Figur

Gerade bei Betroffenen mit leichtem Übergewicht oder Normalgewicht und anhaltenden Beschwerden trotz aller Möglichkeiten sollten unbedingt weitere Behandlungsoptionen angeboten bekommen.

Ein wichtiger Aspekt ist sicher auch die psychologische Therapie – denn in der heutigen Medienlandschaft ist es sehr schwer, sich im eigenen Körper wohlzufühlen. Die Fotos zu meinem Beitrag habe ich über Instagram geteilt und neben vielen sehr positiven Kommentaren kamen Vorschläge wie: “Zieh doch Shapewear unter, damit man die Lymphödeme an den Seiten der Brust nicht sieht.” Oder “Zieh doch eine schwarze Strumpfhose an, damit man die knubbeligen Knie nicht sieht” oder “Zieh einen anderen Slip an, der schneidet ja so ein an der Hüfte.” “Ein weiteres Kleid wäre besser, damit man die Schwellungen nach der Brust OP nicht sieht” oder “Ich würde da eher ein Maxikleid tragen, dann sind deine Beine mehr abgedeckt.”

 

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Im April 2019 vs. April 2020 – Vor den Straffungsoperationen (Nach 5 von 7 Eingriffen)

 

Der Druck zur Perfektion

Ich mag mich aber gerade so zeigen, wie meine Shape wirklich ist. Ganz ehrlich, die ist so viel besser, als man eigentlich nach dieser enormen Gewichtsabnahme erwarten kann. Der einschneidende Slip ist keiner – die Stelle ist mein Hüftknochen, über dem kein Gramm Fett liegt – darüber liegt der Rest Bauchhaut meiner oberen Bauchrolle und darunter meine Hüften. So sehe ich aus, das bin ich. Da ändert auch Shapewear nichts. Meine Beine sind nicht perfekt und ich trage zum Ausgehen IMMER eine Strumpfhose. Ich finde das schöner. Aber auch meine Beine sind einfach die besten Beine, die ich je hatte. Ständig ist irgendwem irgendwas zu dick, zu unperfekt oder mittlerweile sogar “zu dünn” an mir. Da gebe ich nichts drauf. Ich bin der Boss über meinen Körper, ich muss mich wohlfühlen.

Wie wichtig eine Psychotherapie sein kann, um in Bezug auf die eigenen Erwartungen, das eigene Körperbild neue Denkweisen zu erkunden und sich loszulösen von externen, aufdiktierten Idealen, wird meiner Meinung nach unterschätzt. Die Stigmatisierung von Adipositas – und damit auch von allen “adipös aussehenden” Krankheiten haben einen großen Einfluss auf unseren gesamten Körper und tatsächlich sogar auf das Energiemanagement und Schmerzempfinden unseres Körpers. Diskriminierung und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper stören die natürliche Steuerung von Sättigung / Appetit / Antrieb und fördern Entzündungsreaktionen im Gewebe, die z.B. das schmerzende Fettgewebe bei Lipödempatienten beeinflussen kann. (vergl. D.M. Rubino, S. 326, Fig. 18.1 – Bariatric Endocrinology)

model werde ich im nachsten

Meine Hautüberschüsse und das (postoperative!) Lymphödem an den Brustseiten, meine herausstehenden Beckenknochen, der “Hagelschaden”, die knubbeligen Knie – na und? Das ist die beste Version von mir, die es je gab. Ich finde, Schönheit liegt darin, sich wohlwollend zu betrachen, erreichbare Ziele zu setzen und einfach schrittweise weiterzugehen. Perfektion ist nicht nötig! Möglich auch nicht. Einige Lipödem Fashion Blogger zeigen auf Instagram, wie wunderschön sie mit ihren Beinchen und Ärmchen sind. Wir sind alles Einzelstücke!

 

Schwere Adipositas muss zuerst behandelt werden

Ob eine Psychotherapie für dich eine Hilfe sein wird, musst du selbst entscheiden. Ein kleiner Hinweis: wenn du dich regelmäßig für deinen Körper schämst und / oder diskrimiert fühlst, solltest du dich unbedingt bei einem Therapeuten vorstellen. Keine Angst, du kommst nicht gleich auf die Couch und da beißt dich keiner! (Ich schreibe das, weil der Vorschlag, eine Psychotherapie zu machen, im Regelfall enorm schlecht ankommt. Psychische Erkrankungen “hat man auch besser nicht!”, schließlich “bin ich ja nicht verrückt.”)

Manchmal kommt es mir vor, als ob ich die Image Probleme von Erkrankungen online löse 😉

Ich bin wirklich von ganzem Herzen überzeugt, dass für Menschen mit schwerer Adipositas die plastische Chirurgie als erster / begleitender Lösungsansatz nur in sehr seltenen Fällen wirklich sinnvoll ist. Eine bezaubernde junge Frau (24) aus meiner SHG beispielsweise – Sie hat ein ausgeprägtes Lipom im Bereich des Unterbauchs, durch das sie mehr oder weniger nicht am Leben teilnehmen kann. Um ihre Adipositas effektiv zu behandeln, wurde das Fettgeschwür bei ihrer Schlauchmagenoperation mit entfernt. Bewegung ist ein wichtiger Teil der Behandlung von Adipositas und ebenso von Lipödemen. Ihr diese wieder zu ermöglichen war genial und sie ist richtig aufgeblüht. Solche speziellen Fälle sind aber eher die Ausnahme, nicht die Regel.

 

lipoedeme vor magenbypass bild

Etwa 3 Monate nach Magenbypass (links) vs. Oktober 2018 nach abgeschlossener Abnahme – ohne Straffungen. Ich sag es ja: behandele die Adipositas und das Lipödem sieht schon viel kleiner aus. Sogar die Wammen an den Unterschenkeln wurden zu so Beutelchen – statt überhängender Wülste. Genial!

 

Adipositas und das Lipödem

Adipositas und das Lipödem gehen Hand in Hand. Wenn du dich über die Funktion von Fettzellen und Fettgewebe genauer informierst – und darüber, was passiert, wenn sich eben dieses so wichtige Gewebe breit macht, wenn es anfängt, den Lymphabfluss zu stören, die Venen in Mitleidenschaft zu ziehen. Dann erscheint vor allem ein ziemlich ernüchterndes Bild.

Kennst du die Gretchenfrage: „Was war zuerst da. Das Huhn oder das Ei.?“

Im Fall von Lipödemen ist meiner Meinung nach die Antwort: Der Bauer. Der Bauer steht in diesem Beispiel für eine unsichtbare Figur, die total unbeliebt ist. Ihr kennt sie schon, denn sie ist Gegenstand meines Blogs.

Fettzunahme. Übergewicht. Adipositas.

Die Entstehung von Lipödemen ist meiner Meinung nach nicht nur zufällig vergleichbar mit Adipositas – „willige“ Gene treffen auf eine fettmachende Umwelt (z.B. Dauerstress, Mangel- und Fehlernährung durch ultrahoch verarbeitete Nahrungsmittel, zu viel Zucker, exorbitante Kohlenhydrat- und Fettmengen, zu wenig hochwertiges Eiweiß, chronische Bewegungsarmut, soziale Isolation) und die Psyche drückt am Ende den finalen Knopf (angeborene Impulsitivität, geringere „exekutive Funktion”, nicht aufgearbeitete Traumata etc (2).
Wenig verwunderlich ist es also, dass Lipo-Lymphödeme je nach Quelle zu weit über zwei Dritteln Menschen betrifft, die deutliches Übergewicht oder aber Adipositas aufweisen.

Mag also sein, dass meine „Auffassung“ zu Lipödemen – einschließlich und ganz besonders gegenüber meinen eigenen Lipödemen – sich nicht an Seltenheiten orientiert, wo superschlanke Menschen extreme Beine bekommen.

lipoedem direkt vor magenbypass

Meine Körperform zwei Tage vor dem Magenbypass ….ich an dem, was ich in der wissenschaftlichen Literatur finden kann und da enden wir immer wieder bei der Adipositasbehandlung.

 

Adipositas als komplexe Erkrankung

Adipositas ist eine sehr komplexe Erkrankung und bedarf auch dann noch einem peniblen Selbstmanagement, wenn das Leitsymptom – der übermäßige Fettanteil – nicht mehr vorhanden ist. Adipositas ist keine “Wahl”, sie ist kein Zeichen von “Charakterschwäche” und du bist keine Versagerin, weil du mit den elenden Diäten und Empfehlungen da draußen unter dem Strich immer dicker wirst.

Sie ist eine Krankheit, die viele Begleiterkrankungen hervorrufen kann. Darunter ist auch das Lipödem. Eine Adipositasoperation tut viel mehr, als einfach nur deinen Magen kleiner machen. Nicht umsonst werden Magenbypass und Co. auch als metabolische Operationen bezeichnet. Metabolisch heißt, sie verändern den Stoffwechsel – also die Art, wie dein Körper seine Energiebilanz managt, wie er verzehrte Kalorien verwendet, wie hungrig oder satt du bist – selbst die Gesundheit des Fettgewebes verbessert sich und damit ist es leichter, Fettverteilungsstörungen zu mildern usw.

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Beide Bilder zeigen mich mit dem gleichen Gewicht. Ein Mal mit der Abnahme ohne Magenbypass (links) und ein Mal mit der Abnahme mit Magenbypass (rechts). Den Taillengurt musst du ignorieren – der drückt meine natürliche Taille zusätzlich ein. Ich habe aber noch mehr Fotos mit gleichem Gewicht und dem Unterschied “Abnahme mit und abnahme ohne Magenbypass”

 

hormonelle umstellung magenbypass lipoedeme

Auf diesem Vergleich unterscheidet sich sogar das Gewicht um 7 kg! Man war ich 2011 (links) stolz, als die Waage 95 kg anzeigte und mir bei Zumba Wear Gr. 48 passte. Rechts mit Magenbypass und 103 kg. Der Skandal an der Geschichte: Ich habe mit Magenbypass genauso trainiert, wie ich das seit 2006 tue – und mit Ausnahme der ersten 6 Monate deutlich mehr gegessen an Kalorien!

 

Magenoperationen und ihr schlechter Ruf

So wie die Erkrankung Adipositas haben auch noch heute Magenoperationen einen unberechtigt schlechten Ruf. Die vielfältige Veränderung der Gesundheit durch Magenbypass, Schlauchmagen und Co. ist ein Tabuthema und wird oft als “Schönreden” abgestempelt. Wir alle müssen dazu beitragen, dass

  1. Adipositas als chronische, progressive Erkrankung ernst genommen wird und niemand für seine Erkrankung stigmatisiert wird
  2. Adipositas von Ärzten und Fachärzten mit adäquater Behandlung versehen wird – statt mit Abweisung, Diskriminierung und wenig hilfreichen “Ratschlägen” wie “Iss weniger, beweg dich mehr”. Prävention (wirksame!) wäre auch noch ganz schön, aber ich will ja nicht unverschämt werden.

Solange die Gesellschaft das Wahrnehmen einer Adipositasoperation als Versagen interpretiert, wird es mit ziemlicher Sicherheit weitere Begleiterkrankungen wie das Lipödem geben, die sich einfach als Diagnose “besser anfühlen”.

 

adipositas image

Es muss wieder “gesellschaftsfähig” sein, an Adipositas zu leiden – und diese Krankheit professionell und durchaus von verschiedenen Fachrichtungen behandeln zu lassen. “Reiß dich zusammen, iss einfach weniger und beweg dich mehr” sind falsch und gefährlich.

 

Zum Schluss geht es um mich (und um dich)

Circa 2015/2016 erhielt ich die Diagnose Lipödem. Nur kurz erwähnte ich das damals online und der Regen der Hoffnungslosigkeit prasselte auf mich ein. Das war der Moment, wo ich das Thema Lipo-Lymphödeme aus meinem Themenkatalog weitgehend strich. Natürlich redete ich mit privaten Freunden darüber – viele meiner Freunde aus der Adipositas Community sind ebenfalls betroffen. Öffentlich mied ich den Bienenstock der Lipödem Enthusiasten. Sorry, aber wenn ich einige Forenbeiträge überfliege, liegt oft wirklich Enthusiasmus und Begeisterung hinter vielen der Worte. Verknallt in ein sehr nebulöses Krankheitsbild.

rueckblick lipoedem diagnose

rueckblick lipoedem diagnose

 

Hör auf, dich negativen und hoffnungslosen Jammereien auszusetzen

Ich habe dann auch aufgehört, mich im breiten internet zu informieren und das getan, was ich immer tue. Google Alerts für die Suche nach Studien aus dem Themenbereich eingeschaltet – auf englisch im wesentlichen, weil die am meisten Ergebnisse bringen. Das war ein guter Plan. Ernüchternd am Ende, aber wirklich ein guter Plan. Ein Plan, der mich in meinen Kompressionsleggings wacker zurück zum Anfang schickte: zu meiner Adipositas und der eigentlichen “ultima ratio” für meine Situation – der Magenbypassoperation.

Die bittere Pille, die ich dank der damaligen Papers schlucken musste, war die einzige Behandlungsoption, die eine Verminderung der Umfänge der betroffenen Areale und weniger Schmerzen versprach: Bariatrische Chirurgie. Natürlich war das erst Mal ein Schlag vor den Bug. Ich wollte es doch *wieder* alleine schaffen – immerhin hatte ich mich doch mit Einsatz all meiner Kräfte und Disziplin von circa 290 kg auf 95 Kilo gekämpft, ganz ohne OP. Dass die Geschichte von 2006 bis 2011 gedauert hat und mich rückblickend betrachtet beinahe auch den Verstand gekostet hat, als selbst mit 900 Kalorien nichts mehr ging, rekapitulierte ich nicht.

Da war einfach nur dieses Versagensgefühl. Der Unwille, neben dem Stigma “Adipositas” jetzt auch noch ein “Magenoperierter” zu werden, die quasi vom Ruf her in etwa auf Höhe einer Nacktschnecke liegt, die den liebevoll angeplanzten Sommersalat aus fremden Gärten stielt. Es hat wirklich Kraft (und Jahre) gekostet, mich erst Mal völlig für eine Operation zu entscheiden – aber es war die richtige Entscheidung.

adipositas im alltag

 

Hab Mut, endlich wieder adipös zu sein

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Bei schwerer Adipositas ist die beste Behandlungsoption eine bariatrische Operation in einem erfahrenen Adipositaszentrum.

 

Das hier ist extra für dich

Ich hoffe, dass du aus diesem Beitrag ebenfalls herausgehst und darüber nachdenkst, ob ein Lipödem jetzt wirklich dein einziges “Problem” ist oder ob du vielleicht doch deine Adipositas professionell behandeln lassen willst. Die Angst für der ewigen Schande durch eine Operation ist übrigens nur für Influencer zutreffend 😉 Im Alltag vergessen die Leute das schneller, als du denkst. Und ja, natürlich wirst du – genau wie ich – ständig Sätze hören wie “Wow, du hast toll abgenommen. Aber naja, du hattest ja auch eine OP. Damit kann das jeder.” 

Weißt du was? Das ist dir am Ende wirklich völlig egal. Denn du wirst mit weniger Schmerzen, mit einer besseren Körperform, mit verbesserter Beweglichkeit dastehen und dich viel besser fühlen. Darauf kommt es an! Die Leute denken doch immer irgendeinen Mist – wichtiger ist, dass du dir die Hilfe holst, die du brauchst. Hab Mut dazu, ein adipöser Mensch mit Lipödem zu sein. Verabschiede dich von der Illusion, die Lipödeme wären die Krankheit und die Adipositas rein selbst verschuldet und durch Disziplin änderbar.

Das sind also meine 5 Cent (und vermutlich 5000 Seiten 😉 zu Lipödemen, bevor wir in die Themenserie einsteigen. Wie es meine Zeit erlaubt, werde ich nach und nach in den Storys @yourdietangel.blog und im Blog die offenen Fragen zu Lipödem & Ernährung etc. beantworten. Ich versuche auch, für euch interessante Fragestellungen zum Lipödem und Experten als Interviewpartner zu finden – am Ende des Tages bin ich vor allem eins: eine Patientin mit Adipositas (in Remission), die gleichzeitig auch Lipödeme hat.

Mit beiden Erkrankungen kann man mit Hilfe von Fachärzten und einer positiven Einstellung ein gutes Leben führen. Hoffnungsvoll und happy, das ist hier unser Motto. Das Geheule und Gejammer überlassen wir denen, die das besser können!

yourdietangel blog

Der Instagram Blog Account für tägliche Storys 🙂 Bilder poste ich nicht so oft, ich hasse das.

 

Quellenanmerkung (vorläufig)

Achtung zu der aktuellen Quellenverlinkung: Auf Grund eines Datenbankproblems zieht die Software immer die Adipositas Quellenliste und ignoriert die Lipödem Quellenliste. Ich arbeite daran! Die Ziffern (1) etc. im Text passen nicht zu den Quellen, die unten angefügt sind.

 

 

 

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